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Ankündigung

der wissenschaftlichen Tagung der FA vom 25 bis 28. Mai 2017

Die Freie Akademie wird ihre Tagung im Jahr 2017 wieder  in der Frankenakademie Schloss Schney, bei Lichtenfels durchführen. Während der Tagung wird im Rahmen von Vorträgen, Kurzreferaten und Diskussionsbeiträgen das Thema

„Macht der Bilder, Macht der Sprache“  behandelt.

Wir leben in einer Welt voller Bilder, alleine, wenn wir an die vielen Bilder denken, die durch die Werbung auf uns einströmen, oder die viele Zeit, die Menschen vor ihrem Computer oder ihrem Smartphon verbringen. Aber wir leben auch in einer Welt mentaler Bilder: von Vor-Stellungen, Simulationen, Erinnerungen. Angst und Freude sind von schlechten und schönen Bildern begleitet.

Die Rolle und die Bedeutung mentaler Bilder werden in den Wissenschaften unterschiedlich gesehen. Eine weitgehende These ist die „embodied-simulation-Hypothese“ in den Kognitionswissenschaften: Nach ihr beruht Sprechen und Denken grundlegend auf inneren, mentalen Bildern, die in der Regel unbewusst ablaufen. Reden bedeutet demnach, ein Bild vor dem „inneren Auge“ abzurufen und in Sprache zu kleiden. Zuhören und lesen heißt: durch die gehörte Sprache oder gesehenen Worte werden innere Vorstellungen aktiviert, auf die dann reagiert wird. Nach dieser These hängt die Macht der Sprache von ihrer Fähigkeit ab, kräftige innere Bilder im Adressaten hervorzurufen. Diese These kann durch phänomenologische Ansätze in der Philosophie fundiert und durch viele Befunde aus unterschiedlichen Feldern gestützt werden.

Auf der Tagung soll die Bildsprache des 20. und 21. Jahrhunderts in Werbung und politischem Spin, die Sprache des Rechtspopulismus und grundlegende Bilder im Reden über Soziales und die Wirtschaft thematisiert werden. Welche Rolle spielen mentale Bilder für Wahrnehmen und Erkennen, für den Zusammenhalt der Gesellschaft, für gesellschaftliche Prozesse?

Auf unserer Tagung werden Expertinnen und Experten aus den Kognitionswissenschaften, den Bildwissenschaften, der Philosophie und der Ökonomie zusammenwirken. Erwartet werden darf eine Synthese aus unserem fruchtbaren interdisziplinären Ansatz von Wissen, Information und Urteil. Das erscheint uns allerdings kaum anders möglich als durch einen fachlichen Diskurs, um Daseins-, Kognitions- und Kommunikationsfragen des Menschen zu verstehen und zu klären.

In Arbeitsgruppen besteht die Möglichkeit, sich speziellen Fragen des Themas zu widmen.

Seien Sie herzlich willkommen vom 25. bis 28. Mai 2017 auf Schloss Schney. Wir freuen uns auf Ihre Teilnahme an unserer sicherlich spannenden Tagung.

Dr. Volker Mueller
Präsident der Freien Akademie                    

Prof. Dr. Walter O. Ötsch
Wissenschaftlicher Tagungsleiter 2017

 


Religiöser Pluralismus und Deutungsmacht in der Reformationszeit

Die Jahrestagung 2016 der Freien Akademie wurde vom 5.-8. Mai 2016 auf der Frankenakademie Schloss Schney bei Lichtenfels (Oberfranken) zum Thema Religiöser Pluralismus und Deutungsmacht in der Reformationszeit veranstaltet. 35 Teilnehmer hörten sieben Hauptreferate, erlebten originale Lutherstätten auf einer Exkursion nach Coburg und tauschten sich in Gesprächskreisen aus. Die wissenschaftliche Leitung der Tagung oblag dem Kirchenhistoriker Professor Dr. Ulrich Bubenheimer.

Freilich war schon vor Beginn der Tagung klar, dass ein Hauptreferat zur systematischen Einordnung der Hauptbegriffe Deutungsmacht und Pluralismus wegen Krankheit der Referentin und ein weiteres Hauptreferat zur katholischen Perspektive auf die Thematik mangels einer ReferentIn fehlten. Trotzdem konnten sich alle auf ein thematisch breit gespanntes Angebot freuen.

Beim Eröffnungsforum der Tagung gingen die Versammelten der Frage nach, wer denn mit welcher Legitimation in der Reformationszeit (1517-1555) die Macht beanspruchte, religiöse Texte und religiöse Handlungen zu interpretieren. Und was denn mit den Personen ist, die sich solchen An­sprüchen nicht unterwerfen wollten. Man weiß heute, dass es damals schon das Bedürfnis nach Subjektivität der Religiosität gab. Doch war der Spielraum hierzu während der Reformationszeit geringer als davor im Mittelalter. Das lag an der auf Kontroverse angelegten Gesamtlage der Zeit. Durch den reformatorischen Druck wurde auch im altgläubigen (Begriff für die Zeit vor 1555) bzw. im katholischen Bereich eine Einengung erzeugt, die sich dann im 19. Jahrhundert im Unfehlbarkeitsdogma des Papstes ballt. Seit dem hohen Mittelalter haben diese Einengung vor allem die Dominikaner betrieben, die auch die heftigsten Gegner von Martin Luther (1483-1546) waren. Die Geschichte der protestantischen Kirchen war von Anfang an von extremer Intoleranz geprägt, so dass die evangelischen Amtskirchen bis heute aufs Ganze gesehen unter einem Pluralismusdefizit leiden. Tag für Tag veranschaulichen sie bis heute die These von Ernst Troeltsch, dass dissidente protestantische Bewegungen weiter in die Moderne führten und führen als die lutherische Konfession. Die Diskussion über all diese Sichtweisen zeigte deutlich ein Interesse der Versammelten auch an der Bedeutsamkeit des historischen Geschehens für unsere heutige Gesellschaft, die labil und fragil zwischen dem Postulat radikaler Offenheit und den Rufen nach Minimalkonsens und Leitkultur schillert.

Im ersten Hauptvortrag sprach Dr. Alejandro Zorzin über die Anfänge der Bildpolemik zwischen den religiösen Parteien der Reformationszeit. Mit Flugblättern und Flugschriften als neuem Massenmedium rangen die Parteiungen um die Deutungsmacht in religiösen Belangen und betrieben eine schonungslose mediale Demontage des Anderen, die dem ‚shitstorm‘ in heutigen online-Foren in nichts nachstand. Diese Unkultur haben die Kontroverstheologen der Reformationszeit nicht erfunden. Im sog. Reuchlinstreit (um 1508) nahm der Hebraist und Humanist Johannes Reuchlin (1455-1522) mit Unterstützung des Humanisten Ulrich von Hutten (1488-1523) den Antijudaismus der altgläubigen Theologen aufs Korn. Aberglaube, Unbildung, Unwissenheit und Neid hätten die obskuren Gestalten der altgläubigen Kirche („Dunkelmänner“) verblendet, was der Humanist auch in einem setting der klassischen Antike vom römischen Triumphzug ausdrückte, in dem ein Wagen mit Humanisten geradewegs durch das Tor des Triumphs, ein anderer aber in die entgegengesetzte Richtung in den Höllenschlund fuhr. Vorne in der Bildmitte liegt dabei der konvertierte Jude und daher besonderer Judenfeind Johannes Pfefferkorn (1469-1521) in seinem Erbrochenen, das von Hunden aufgeleckt wird. Die Gegenpartei ließ sich nicht lumpen und zeigt auf einem weiteren Flugblatt in einer Hinrichtungsphantasie Reuchlin nackt, abgeschlachtet und zur Enthauptung bereitet.

Diese Atmosphäre der verhärteten Fronten und der äußersten Brutalisierung wurde von Anfang an für die beginnende Reformation (ab 1517) prägend. Schon wegen dieser prozessualen Geschichtsentwicklung ist es müßig, von einer Epoche der Reformationszeit zu sprechen. Auch die reformatorisch-katholische Bildpolemik bedient sich eifrig der Animalisierung des Gegners und ist an Fäkal- und Obszöndarstellungen kaum überbietbar. Schon in der Bannandrohung wird Luther gut biblisch als wildes Schwein bezeichnet, das den Weinberg des Herrn verwüstet. Auch die reformatorische Seite sieht den altgläubigen Kontroverstheologen Johannes Eck (1486-1543) als wilden Eber, der vom Papst Bucheckern, sprich Geld, erhält, wenn er den Luther platt macht. Zorzin weiß in beein­druckender Weise alle Fassetten dieser shitstorms anhand frühneuzeitlicher Holzschnitte, die heute zugleich wertvollste Kunstwerke darstellen, zu entfalten. Diese Bildpolemik, gelegentlich mit deutschen und lateinischen Texten versehen, hatte eine doppelte Zielgruppe, nämlich sowohl Gebildete als auch Fürsten und Stadtbürger. In einem kommunikativen Prozess erreichten sie dann auch niedere Schichten und konnten auch Analphabeten klar machen, wer hier die Guten und die Bösen seien. Insofern hat das Bild umfassendere Deutungsmacht als das geschriebene Wort.

Dann zeigte Dr. Dieter Fauth an den Sichtweisen Johannes Reuchlins auf das Judentum, dass zur Reformationszeit Deutungsmacht auch vernunftgeleitet geteilt werden konnte. Reuchlin war hier das positive Gegenbild zu Luther. 1523 instrumentalisierte Luther den Juden für seine Polemik gegen die altgläubige Kirche; 1543 forderte er die Fürsten und Herren dann zur massenhaften Vernichtung der Juden in ihrer Existenz auf. Reuchlin aber war der Überzeugung, dass das Judentum die volle religiöse Wahrheit umfasse. Freilich meinte er – hier de facto antijudaistisch –, dass diese Wahrheit erst durch das Christentum klar und offenbar geworden sei. Im Streit mit Pfefferkorn wird deutlich, dass Reuchlin das gesamte jüdische Schrifttum wertschätzte. Immerhin konnte er mit dieser Meinung von 1510 die jüdischen Schriften im Reich deutscher Nationen für mehr als 40 Jahre vor der Vernichtung schützen. Hierbei argumentierte er juristisch, philosophisch und philologisch und kann daher unter die Voraufklärer gereiht werden. Die Aufklärung war dann ein Türöffner für die Judenemanzipation des 19. Jahrhunderts und das damalige Postulat von der Gleichheit aller Menschen. Doch hat die Aufklärung mit vielen antijudaistischen Standpunkten sog. aufgeklärter Wissenschaftler des 19. Jahrhunderts in Philologie, Theologie, Philosophie und Soziologie den Antijudaismus wissenschaftlich verbrämt auch weiter getragen.

Prof. Dr. Hartmut Bobzin sprach sodann über Perspektiven auf Islam und Muslime in der Reformationszeit. In dieser Zeit dehnte sich der Islam geografisch enorm aus. Konnte er 1453 Konstantinopel (Istanbul) erobern, stand er 1529 zum ersten Mal und 1683 zum zweiten Mal vor Wien. Diese Bedrohung des christlichen Europa durch den Islam band bei den Habsburgern und den Fürstentümern viel Geld und militärische Kräfte, was das Agieren Luthers und der weiteren Reformatoren im Inneren des Reiches erleichterte. So wurde der Islam ungewollt zum Geburtshelfer des Protestantismus. Intellektuell hat sich aber für den Islam im 16. Jahrhundert noch niemand interessiert – ganz im Unterschied zum Interesse am Judentum. Einschlägige Ansätze zeigte nur Sebastian Münster. Doch gibt es Schriften des 16. Jahrhunderts, die sagen, dass islamische Staatengebilde genau so vorbildlich sind wie z. B. das venezianische Reich.

In einem weiteren Hauptvortrag betonte Prof. Dr. Günter Vogler zu der Frage: Ist die marxistische Deutung der Reformation überholt? – Versuch einer Antwort am Beispiel des Thomas-Müntzer-Bildes, dass seit dem 19. Jahrhundert sowohl die Reformation als auch der Bauernkrieg wiederholt als Revolution bezeichnet wurden. Angesichts der in den sechziger Jahren des 20. Jahrhunderts kritisierten Vernachlässigung der historischen Verortung der Reformation zugunsten einer einseitig theologischen Interpretation, sahen marxistische Historiker sich herausgefordert, den Revolutionsbegriff für die frühe Neuzeit zu konkretisieren. Das fand seinen Niederschlag in dem die Wechselbeziehungen zwischen Reformation und Bauernkrieg betonenden Konzept, sie als frühe Form einer bürgerlichen Revolution darzustellen. In diesem Zusammenhang erfuhr auch das Müntzerbild einschneidende Veränderungen, indem ältere säkularisierte Sichten überwunden und Müntzer primär als radikaler Prediger und Seelsorger verstanden wurde. Das war möglich, weil die Müntzerforschung in der DDR zunehmend mit Historikern und Theologen in der BRD und in anderen Ländern kooperierte. Doch mit dem Ende der DDR verlor die marxistische Forschung ihren institutionellen Rückhalt im universitären Raum, und das Konzept einer frühen bürgerlichen Revolution wurde als Diskussionsthema ausgeblendet, obwohl damit relevant gewordene Fragen nicht in jedem Fall abgegolten waren. Viele zum Müntzerbild gewonnene Erkenntnisse erwiesen sich indes als nicht überholt. Auch bleibt es bedenkenswert, dass Müntzer uns darauf hinweist, dass es in der Geschichte immer Alternativen gibt und eine Gesellschaft, die Visionen verwirft, in reinen Pragmatismus versinkt. An sein Streben nach Brüderlichkeit und Gleichheit sollte deshalb immer wieder erinnert werden.

Fabian Scheidler sprach sodann über die Entstehung des modernen Weltsystems und die Zerschlagung egalitärer Bewegungen in der Reformationszeit. In der Reformationszeit wurde das kapitalistische Weltsystem, in dem wir noch heute leben, begründet und dies im Widerstand gegen egalitäre Bewegungen. Dieses Weltsystem stellte sich als enorm dynamisch und produktiv, zugleich aber auch als extrem destruktiv heraus. Völkermorde, Vertreibung, Kulturvernichtung, Naturzerstörung, Kriege, Spaltung zwischen Arm und Reich, globale Krisen sind die Folge. In Reformation und Humanismus hochgehaltene Heilsbringer, wie Glaube oder Zivilisation, Vernunft, Fortschritt und Entwicklung sind nur Mythen der Moderne aus der klassischen Antike. Wir begründen unseren Wohlstand mit diesen Kräften. Stattdessen wirken hier die Monster der Moderne, nämlich Inquisition, Hexenprozesse, Folter, Blutgesetzgebung, ökonomische Spaltung und Entrechtung der Frauen. Es ist ein Mythos, dies seien Erscheinungen des Mittelalters. Vielmehr sind Reformation und frühe Neuzeit die Epoche dieser Monster. Durch sie wurden egalitäre Bewegungen, veranlasst durch Armutsbewegungen im Mittelalter (Franz von Assisi, Joachim von Fiore), wie sie sich nach dem ‚großen Hunger‘ (1315-22) und der Pest (1348) gebildet hatten, zerschlagen. In der Reformationszeit kamen Kirchengüter in die Hand der Landesherren (Luther!), nicht der Kommunen (Müntzer!). Die obrigkeitliche, autoritäre statt der egalitären Struktur setzt sich durch. Nach der Zerschlagung egalitärer Strukturen im Bauernkrieg 1524/25 und der Täuferbewegung 1535, war die egalitäre Bewegung in Deutschland, aber auch in Frankreich und England, über Jahrhunderte zerstört. Bis heute ist dieses Weltsystem in der Krise, besonders als eine Krise der Biosphäre.

Der Hauptvortrag von Prof. Dr. Dieter B. Herrmann zeigte, wie die Entdeckung des heleozentrischen Weltbildes durch Luthers Zeitgenossen Nikolaus Kopernikus (1473-1543) eine radikale Wende in der Astrophysik bedeutete. Kopernikus kam 1510 zu seiner Entdeckung, konnte sie aber wegen Arbeitsüberlastung erst 1543 differenziert veröffentlichen. Weder die katholische Kirche noch der Protestantismus hatten zur Reformationszeit ein Problem mit dieser Entdeckung. Georg J. Rheticus (1514-1574) im katholischen Bereich und Andreas Osiander (1498-1552) im evangelischen Bereich beförderten Drucklegungen von Kopernikus‘ Werk, das dadurch geschützt wurde, dass es von Osiander als Hypothese bezeichnet wird. Kopernikus machte Papst Paul III sein Buch mit dem Argument schmackhaft, dass damit auch der Kirchenkalender, insbesondere der jährliche Ostertermin, genauer bestimmt werden könne. So musste Kopernikus keine Angst vor der Inquisition haben, die zu dieser Zeit keine Rolle spielte. Auch Philipp Melanchthon (1497-1560), der wegen Jos 10,12-13 („Befiehl der Sonne still zu stehen“) seine Zweifel an der Heleozentrik hatte, blieb gegenüber Kopernikus respektvoll. Luther hatte kein Interesse an der Entdeckung des Kopernikus; die Schrift von 1543 kam für Luther auch zu spät. – Ganz im Unterschied zu seiner Sicht auf die Astronomie war Melanchthon ein großer Anhänger der Astrologie. Sterne waren für ihn Anzeiger des göttlichen Willens. Man sehe ja, dass Sonne und Mond das Erdgeschehen beeinflussen; warum also nicht alle Gestirne. In diesem Tenor hielt Melanchthon manche Vorlesungen. Luther lehnte die Astrologie ab. Nicht die Gestirne, sondern ihr Schöpfer würde das Erdgeschehen bestimmen. Auch Kopernikus hielt von Astrologie nichts. Und auch der damalige Papst Sixtus V (1521-1590) war ein Gegner der Astrologie. – Nachdem die Reformationszeit keine Beanstandung an Kopernikus genommen hatte, kam sein Werk 1616 bis 1838 auf den katholischen Index. Galilei musste wegen der Heleozentrik einen inquisitorischen Prozess erdulden (1632). Das heißt, die katholische Kirche hat erst lange nach dem Tod von Kopernikus die mögliche Bedrohung ihrer Macht durch dieses Weltbild gesehen. Heute wird ein Unterschied zwischen geoffenbarten Wahrheiten der Bibel und erforschten Fakten der Astronomie gesehen. Beide Bereiche kommen zu Aussagen, die auf unterschiedlichen Ebenen angesiedelt sind und sich daher nicht widersprechen können. Dies sah bereits Kopernikus so.

Ein von Dr. Dieter Fauth gestalteter Abend mit Filmen zur Reformationszeit zeigte, wie sich Ergebnisse des Vortrages Vogler zur marxistischen Müntzerforschung im wissenschaftsfernen Bereich der populären Filme widerspiegelt. Ein monumentaler Reformationsfilm der DDR von 1983 zeigt einen hohen Grad an Sachlichkeit und überparteilicher Verträglichkeit, so dass der Film damals selbst in der BRD bessere Rezensionen als der zeitgleich in der BRD produzierte Film zur Reformation erhielt. Insgesamt leiden die westdeutschen Filme mehr an evangelischer Erbauung als der Film der DDR etwa an einer Heroisierung Müntzers. Die Abwicklung der Müntzerforschung nach 1990 und damit die Reduktion von Konkurrenz und Dialog in der Reformationsforschung zeigt sich im populären Bereich des historischen Films durch einen Absturz des Niveaus. So betreibt der monumentale Kinofilm zu Luther von 2003 ohne jede Rücksicht auf historische Treue evangelische Erbauung.

Der letzte Hauptvortrag von Prof. Dr. Ulrich Bubenheimer widmete sich dem Spannungsverhältnis von Einheitsanspruch und Pluralitätsbedürfnissen in der Reformationszeit am Beispiel von An­dreas Gronewalt. Der Notar und Kleriker Gronewalt (* um 1480) hatte eine umfassende, gemischte Bibliothek aus den Bereichen Artes, Humanismus, weltliches und kanonisches Recht, Theologisch-praktische Bücher, Erbauungsliteratur und Medizin. Dabei handelt es sich um vorreformatorisch-scholastische Bücher, altgläubige und reformatorische Kontroversliteratur sowie Schriften von An­dreas Bodenstein (1486-1541), Thomas Müntzer (vor 1491-1525) und anderen Zeitgenossen. Entsprechend vielfältig und konfessionell ungebunden waren seine Sichtweisen. Ein von ihm in einem Buch notierter Wahlspruch lautet: „Pflücke die Trauben, die Dornen meide“. Entsprechend ging er mit Büchern und mit religiösen Einstellungen um. Das heutige Wissen von seinen Einstellungen kann durch die Analyse seiner zahlreichen Glossen in seinen Büchern erweitert werden. Sie zeigen einen pragmatischen und lebensfrohen Menschen („Lebe, lasse es Dir gut gehen, sei froh und sei Andreas gewogen.“), der den Kirchenvater Hieronymus verehrt („Hieronymus, Hieronymus. Die Wiederholung deines Namens ist ein Zeichen der Liebe …“), Wert auf humanistische Bildung legt („Tugend überlebt das Begräbnis“; „Erasmus, ein Deutscher, hat die lateinische Übersetzung [die Vulgata] verbessert … Ewiges Lob …“) und nicht viel von der beginnenden Reformation hielt („ein gewisser Mönch Martin Luther, Augustiner“), aber auch nichts vom Mönchtum („Platter Mann [Mann mit Tonsur; Mönch] armer Mann, hätte er noch so gute Kleider an“). So pflegt er z. B. Heiligenkritik („Oh heiliger Antonio, groß, schütze mich …“ korrigiert er in „Oh Jesu, schütze mich …“). Insgesamt zeigt Gronewalt im Zeitalter rivalisierender Deutungsmächte das Lebensmodell, durch begrenzte Teilhabe an der öffentlichen, von den Mächten kontrollierter Religion, nicht aufzufallen, und so umso mehr im privaten Bereich die wirklichen Interessen leben zu können. Nachdem die aufkommende Reformationszeit zunächst viele „Märtyrer“ produzierte, wird das bei Gronewalt beobachtbare Lebensmodell einer Art verborgenem Dissidentismus unter konfessionell Abweichenden zunehmend bedeutsam und herrscht spätestens im 17. Jahrhundert in lutherischen Bereichen vor.

In einem von Dr. Volker Mueller geleiteten abschließenden Forum lobte der wissenschaftliche Tagungsleiter Prof. Bubenheimer das große Interesse und die Diskussionskultur der Teilnehmer und den Ertrag der Tagung, jedenfalls für ihn selbst. Fauth sprach von einer ausbalancierten Tagung mit einer angemessenen Mischung aus historischen Inhalten und Aktualbezügen bzw. kleinteiligen Erkenntnissen und Überblicken.

Dieter Fauth

 
Dr. Alejandro Zorzin (links) während seines Vortrages hautnah beim Zuhoerer Prof. Hartmut Bobzin (rechts) war als Experte gefragt. Prof. Günter Vogler (rechts) beim Vortrag, interessiert gehoert auch vom wissenschaftlichen Tagungsleiter Prof. Ulrich Bubenheimer. Fabian Scheidler verschafft seinem Auditorium Ueberblicke. Schwierige Thematik und doch klar verstaendlich: Prof. Dieter B. Herrmann in Aktion. Prof. Ulrich Bubenheimer beim Abschlussvortrag.

 

Mitgliederversammlung der Freien Akademie tagte

Auf der Mitgliederversammlung 2016 der Freien Akademie e.V.  wurden die bisherigen und künftigen Aufgabender konfessionell unabhängigen Bildungsinstitution beraten. Die Freie Akademie wird ihre erfolgreiche wissenschaftliche und vor allem interdisziplinär angelegte Arbeit weiterführen und für alle Interessenten gute Angebote zu unterbreiten. Dabei stehen die wissenschaftlichen Tagungen, die Herausgabe der Schriftenreihe der Freien Akademie, eigene Arbeiten zur frühen Geschichte der Freien Akademie und eine gute Öffentlichkeitsarbeit im Vordergrund.

Wichtige Überlegungen zur weiteren Finanzierung der Arbeit der Freien Akademie wurden ebenfalls offen erörtert. Dabei wurden Weichen für einen nachhaltigen Einsatz unserer vorhandenen Ressourcen gestellt.

Das Präsidiumwurde planmäßig gewählt: Als Präsident der Freien Akademie wurde Dr. Volker Mueller (Falkensee) wiedergewählt. Weitere Präsidiumsmitglieder wurden als Vizepräsidenten Dr. Dieter Fauth (Würzburg) und Dr. Martin Scheele (Brieselang), als Schatzmeisterin Tina Bär (Berlin) und als weitere Präsidiumsmitglieder Winfried Zöllner (Berlin) und Christian Michelsen (Falkensee).

 

 

 


 

 

Religiöser Pluralismus und Deutungsmacht in der Reformationszeit

Die Jahrestagung 2016 der Freien Akademie wurde vom 5.-8. Mai 2016 auf der Frankenakademie Schloss Schney bei Lichtenfels (Oberfranken) zum Thema Religiöser Pluralismus und Deutungsmacht in der Reformationszeit veranstaltet. 35 Teilnehmer hörten sieben Hauptreferate, erlebten originale Lutherstätten auf einer Exkursion nach Coburg und tauschten sich in Gesprächskreisen aus. Die wissenschaftliche Leitung der Tagung oblag dem Kirchenhistoriker Professor Dr. Ulrich Bubenheimer.

Freilich war schon vor Beginn der Tagung klar, dass ein Hauptreferat zur systematischen Einordnung der Hauptbegriffe Deutungsmacht und Pluralismus wegen Krankheit der Referentin und ein weiteres Hauptreferat zur katholischen Perspektive auf die Thematik mangels einer ReferentIn fehlten. Trotzdem konnten sich alle auf ein thematisch breit gespanntes Angebot freuen.

Beim Eröffnungsforum der Tagung gingen die Versammelten der Frage nach, wer denn mit welcher Legitimation in der Reformationszeit (1517-1555) die Macht beanspruchte, religiöse Texte und religiöse Handlungen zu interpretieren. Und was denn mit den Personen ist, die sich solchen An­sprüchen nicht unterwerfen wollten. Man weiß heute, dass es damals schon das Bedürfnis nach Subjektivität der Religiosität gab. Doch war der Spielraum hierzu während der Reformationszeit geringer als davor im Mittelalter. Das lag an der auf Kontroverse angelegten Gesamtlage der Zeit. Durch den reformatorischen Druck wurde auch im altgläubigen (Begriff für die Zeit vor 1555) bzw. im katholischen Bereich eine Einengung erzeugt, die sich dann im 19. Jahrhundert im Unfehlbarkeitsdogma des Papstes ballt. Seit dem hohen Mittelalter haben diese Einengung vor allem die Dominikaner betrieben, die auch die heftigsten Gegner von Martin Luther (1483-1546) waren. Die Geschichte der protestantischen Kirchen war von Anfang an von extremer Intoleranz geprägt, so dass die evangelischen Amtskirchen bis heute aufs Ganze gesehen unter einem Pluralismusdefizit leiden. Tag für Tag veranschaulichen sie bis heute die These von Ernst Troeltsch, dass dissidente protestantische Bewegungen weiter in die Moderne führten und führen als die lutherische Konfession. Die Diskussion über all diese Sichtweisen zeigte deutlich ein Interesse der Versammelten auch an der Bedeutsamkeit des historischen Geschehens für unsere heutige Gesellschaft, die labil und fragil zwischen dem Postulat radikaler Offenheit und den Rufen nach Minimalkonsens und Leitkultur schillert.

Im ersten Hauptvortrag sprach Dr. Alejandro Zorzin über die Anfänge der Bildpolemik zwischen den religiösen Parteien der Reformationszeit. Mit Flugblättern und Flugschriften als neuem Massenmedium rangen die Parteiungen um die Deutungsmacht in religiösen Belangen und betrieben eine schonungslose mediale Demontage des Anderen, die dem ‚shitstorm‘ in heutigen online-Foren in nichts nachstand. Diese Unkultur haben die Kontroverstheologen der Reformationszeit nicht erfunden. Im sog. Reuchlinstreit (um 1508) nahm der Hebraist und Humanist Johannes Reuchlin (1455-1522) mit Unterstützung des Humanisten Ulrich von Hutten (1488-1523) den Antijudaismus der altgläubigen Theologen aufs Korn. Aberglaube, Unbildung, Unwissenheit und Neid hätten die obskuren Gestalten der altgläubigen Kirche („Dunkelmänner“) verblendet, was der Humanist auch in einem setting der klassischen Antike vom römischen Triumphzug ausdrückte, in dem ein Wagen mit Humanisten geradewegs durch das Tor des Triumphs, ein anderer aber in die entgegengesetzte Richtung in den Höllenschlund fuhr. Vorne in der Bildmitte liegt dabei der konvertierte Jude und daher besonderer Judenfeind Johannes Pfefferkorn (1469-1521) in seinem Erbrochenen, das von Hunden aufgeleckt wird. Die Gegenpartei ließ sich nicht lumpen und zeigt auf einem weiteren Flugblatt in einer Hinrichtungsphantasie Reuchlin nackt, abgeschlachtet und zur Enthauptung bereitet.

Diese Atmosphäre der verhärteten Fronten und der äußersten Brutalisierung wurde von Anfang an für die beginnende Reformation (ab 1517) prägend. Schon wegen dieser prozessualen Geschichtsentwicklung ist es müßig, von einer Epoche der Reformationszeit zu sprechen. Auch die reformatorisch-katholische Bildpolemik bedient sich eifrig der Animalisierung des Gegners und ist an Fäkal- und Obszöndarstellungen kaum überbietbar. Schon in der Bannandrohung wird Luther gut biblisch als wildes Schwein bezeichnet, das den Weinberg des Herrn verwüstet. Auch die reformatorische Seite sieht den altgläubigen Kontroverstheologen Johannes Eck (1486-1543) als wilden Eber, der vom Papst Bucheckern, sprich Geld, erhält, wenn er den Luther platt macht. Zorzin weiß in beein­druckender Weise alle Fassetten dieser shitstorms anhand frühneuzeitlicher Holzschnitte, die heute zugleich wertvollste Kunstwerke darstellen, zu entfalten. Diese Bildpolemik, gelegentlich mit deutschen und lateinischen Texten versehen, hatte eine doppelte Zielgruppe, nämlich sowohl Gebildete als auch Fürsten und Stadtbürger. In einem kommunikativen Prozess erreichten sie dann auch niedere Schichten und konnten auch Analphabeten klar machen, wer hier die Guten und die Bösen seien. Insofern hat das Bild umfassendere Deutungsmacht als das geschriebene Wort.

Dann zeigte Dr. Dieter Fauth an den Sichtweisen Johannes Reuchlins auf das Judentum, dass zur Reformationszeit Deutungsmacht auch vernunftgeleitet geteilt werden konnte. Reuchlin war hier das positive Gegenbild zu Luther. 1523 instrumentalisierte Luther den Juden für seine Polemik gegen die altgläubige Kirche; 1543 forderte er die Fürsten und Herren dann zur massenhaften Vernichtung der Juden in ihrer Existenz auf. Reuchlin aber war der Überzeugung, dass das Judentum die volle religiöse Wahrheit umfasse. Freilich meinte er – hier de facto antijudaistisch –, dass diese Wahrheit erst durch das Christentum klar und offenbar geworden sei. Im Streit mit Pfefferkorn wird deutlich, dass Reuchlin das gesamte jüdische Schrifttum wertschätzte. Immerhin konnte er mit dieser Meinung von 1510 die jüdischen Schriften im Reich deutscher Nationen für mehr als 40 Jahre vor der Vernichtung schützen. Hierbei argumentierte er juristisch, philosophisch und philologisch und kann daher unter die Voraufklärer gereiht werden. Die Aufklärung war dann ein Türöffner für die Judenemanzipation des 19. Jahrhunderts und das damalige Postulat von der Gleichheit aller Menschen. Doch hat die Aufklärung mit vielen antijudaistischen Standpunkten sog. aufgeklärter Wissenschaftler des 19. Jahrhunderts in Philologie, Theologie, Philosophie und Soziologie den Antijudaismus wissenschaftlich verbrämt auch weiter getragen.

Prof. Dr. Hartmut Bobzin sprach sodann über Perspektiven auf Islam und Muslime in der Reformationszeit. In dieser Zeit dehnte sich der Islam geografisch enorm aus. Konnte er 1453 Konstantinopel (Istanbul) erobern, stand er 1529 zum ersten Mal und 1683 zum zweiten Mal vor Wien. Diese Bedrohung des christlichen Europa durch den Islam band bei den Habsburgern und den Fürstentümern viel Geld und militärische Kräfte, was das Agieren Luthers und der weiteren Reformatoren im Inneren des Reiches erleichterte. So wurde der Islam ungewollt zum Geburtshelfer des Protestantismus. Intellektuell hat sich aber für den Islam im 16. Jahrhundert noch niemand interessiert – ganz im Unterschied zum Interesse am Judentum. Einschlägige Ansätze zeigte nur Sebastian Münster. Doch gibt es Schriften des 16. Jahrhunderts, die sagen, dass islamische Staatengebilde genau so vorbildlich sind wie z. B. das venezianische Reich.

In einem weiteren Hauptvortrag betonte Prof. Dr. Günter Vogler zu der Frage: Ist die marxistische Deutung der Reformation überholt? – Versuch einer Antwort am Beispiel des Thomas-Müntzer-Bildes, dass seit dem 19. Jahrhundert sowohl die Reformation als auch der Bauernkrieg wiederholt als Revolution bezeichnet wurden. Angesichts der in den sechziger Jahren des 20. Jahrhunderts kritisierten Vernachlässigung der historischen Verortung der Reformation zugunsten einer einseitig theologischen Interpretation, sahen marxistische Historiker sich herausgefordert, den Revolutionsbegriff für die frühe Neuzeit zu konkretisieren. Das fand seinen Niederschlag in dem die Wechselbeziehungen zwischen Reformation und Bauernkrieg betonenden Konzept, sie als frühe Form einer bürgerlichen Revolution darzustellen. In diesem Zusammenhang erfuhr auch das Müntzerbild einschneidende Veränderungen, indem ältere säkularisierte Sichten überwunden und Müntzer primär als radikaler Prediger und Seelsorger verstanden wurde. Das war möglich, weil die Müntzerforschung in der DDR zunehmend mit Historikern und Theologen in der BRD und in anderen Ländern kooperierte. Doch mit dem Ende der DDR verlor die marxistische Forschung ihren institutionellen Rückhalt im universitären Raum, und das Konzept einer frühen bürgerlichen Revolution wurde als Diskussionsthema ausgeblendet, obwohl damit relevant gewordene Fragen nicht in jedem Fall abgegolten waren. Viele zum Müntzerbild gewonnene Erkenntnisse erwiesen sich indes als nicht überholt. Auch bleibt es bedenkenswert, dass Müntzer uns darauf hinweist, dass es in der Geschichte immer Alternativen gibt und eine Gesellschaft, die Visionen verwirft, in reinen Pragmatismus versinkt. An sein Streben nach Brüderlichkeit und Gleichheit sollte deshalb immer wieder erinnert werden.

Fabian Scheidler sprach sodann über die Entstehung des modernen Weltsystems und die Zerschlagung egalitärer Bewegungen in der Reformationszeit. In der Reformationszeit wurde das kapitalistische Weltsystem, in dem wir noch heute leben, begründet und dies im Widerstand gegen egalitäre Bewegungen. Dieses Weltsystem stellte sich als enorm dynamisch und produktiv, zugleich aber auch als extrem destruktiv heraus. Völkermorde, Vertreibung, Kulturvernichtung, Naturzerstörung, Kriege, Spaltung zwischen Arm und Reich, globale Krisen sind die Folge. In Reformation und Humanismus hochgehaltene Heilsbringer, wie Glaube oder Zivilisation, Vernunft, Fortschritt und Entwicklung sind nur Mythen der Moderne aus der klassischen Antike. Wir begründen unseren Wohlstand mit diesen Kräften. Stattdessen wirken hier die Monster der Moderne, nämlich Inquisition, Hexenprozesse, Folter, Blutgesetzgebung, ökonomische Spaltung und Entrechtung der Frauen. Es ist ein Mythos, dies seien Erscheinungen des Mittelalters. Vielmehr sind Reformation und frühe Neuzeit die Epoche dieser Monster. Durch sie wurden egalitäre Bewegungen, veranlasst durch Armutsbewegungen im Mittelalter (Franz von Assisi, Joachim von Fiore), wie sie sich nach dem ‚großen Hunger‘ (1315-22) und der Pest (1348) gebildet hatten, zerschlagen. In der Reformationszeit kamen Kirchengüter in die Hand der Landesherren (Luther!), nicht der Kommunen (Müntzer!). Die obrigkeitliche, autoritäre statt der egalitären Struktur setzt sich durch. Nach der Zerschlagung egalitärer Strukturen im Bauernkrieg 1524/25 und der Täuferbewegung 1535, war die egalitäre Bewegung in Deutschland, aber auch in Frankreich und England, über Jahrhunderte zerstört. Bis heute ist dieses Weltsystem in der Krise, besonders als eine Krise der Biosphäre.

Der Hauptvortrag von Prof. Dr. Dieter B. Herrmann zeigte, wie die Entdeckung des heleozentrischen Weltbildes durch Luthers Zeitgenossen Nikolaus Kopernikus (1473-1543) eine radikale Wende in der Astrophysik bedeutete. Kopernikus kam 1510 zu seiner Entdeckung, konnte sie aber wegen Arbeitsüberlastung erst 1543 differenziert veröffentlichen. Weder die katholische Kirche noch der Protestantismus hatten zur Reformationszeit ein Problem mit dieser Entdeckung. Georg J. Rheticus (1514-1574) im katholischen Bereich und Andreas Osiander (1498-1552) im evangelischen Bereich beförderten Drucklegungen von Kopernikus‘ Werk, das dadurch geschützt wurde, dass es von Osiander als Hypothese bezeichnet wird. Kopernikus machte Papst Paul III sein Buch mit dem Argument schmackhaft, dass damit auch der Kirchenkalender, insbesondere der jährliche Ostertermin, genauer bestimmt werden könne. So musste Kopernikus keine Angst vor der Inquisition haben, die zu dieser Zeit keine Rolle spielte. Auch Philipp Melanchthon (1497-1560), der wegen Jos 10,12-13 („Befiehl der Sonne still zu stehen“) seine Zweifel an der Heleozentrik hatte, blieb gegenüber Kopernikus respektvoll. Luther hatte kein Interesse an der Entdeckung des Kopernikus; die Schrift von 1543 kam für Luther auch zu spät. – Ganz im Unterschied zu seiner Sicht auf die Astronomie war Melanchthon ein großer Anhänger der Astrologie. Sterne waren für ihn Anzeiger des göttlichen Willens. Man sehe ja, dass Sonne und Mond das Erdgeschehen beeinflussen; warum also nicht alle Gestirne. In diesem Tenor hielt Melanchthon manche Vorlesungen. Luther lehnte die Astrologie ab. Nicht die Gestirne, sondern ihr Schöpfer würde das Erdgeschehen bestimmen. Auch Kopernikus hielt von Astrologie nichts. Und auch der damalige Papst Sixtus V (1521-1590) war ein Gegner der Astrologie. – Nachdem die Reformationszeit keine Beanstandung an Kopernikus genommen hatte, kam sein Werk 1616 bis 1838 auf den katholischen Index. Galilei musste wegen der Heleozentrik einen inquisitorischen Prozess erdulden (1632). Das heißt, die katholische Kirche hat erst lange nach dem Tod von Kopernikus die mögliche Bedrohung ihrer Macht durch dieses Weltbild gesehen. Heute wird ein Unterschied zwischen geoffenbarten Wahrheiten der Bibel und erforschten Fakten der Astronomie gesehen. Beide Bereiche kommen zu Aussagen, die auf unterschiedlichen Ebenen angesiedelt sind und sich daher nicht widersprechen können. Dies sah bereits Kopernikus so.

Ein von Dr. Dieter Fauth gestalteter Abend mit Filmen zur Reformationszeit zeigte, wie sich Ergebnisse des Vortrages Vogler zur marxistischen Müntzerforschung im wissenschaftsfernen Bereich der populären Filme widerspiegelt. Ein monumentaler Reformationsfilm der DDR von 1983 zeigt einen hohen Grad an Sachlichkeit und überparteilicher Verträglichkeit, so dass der Film damals selbst in der BRD bessere Rezensionen als der zeitgleich in der BRD produzierte Film zur Reformation erhielt. Insgesamt leiden die westdeutschen Filme mehr an evangelischer Erbauung als der Film der DDR etwa an einer Heroisierung Müntzers. Die Abwicklung der Müntzerforschung nach 1990 und damit die Reduktion von Konkurrenz und Dialog in der Reformationsforschung zeigt sich im populären Bereich des historischen Films durch einen Absturz des Niveaus. So betreibt der monumentale Kinofilm zu Luther von 2003 ohne jede Rücksicht auf historische Treue evangelische Erbauung.

Der letzte Hauptvortrag von Prof. Dr. Ulrich Bubenheimer widmete sich dem Spannungsverhältnis von Einheitsanspruch und Pluralitätsbedürfnissen in der Reformationszeit am Beispiel von An­dreas Gronewalt. Der Notar und Kleriker Gronewalt (* um 1480) hatte eine umfassende, gemischte Bibliothek aus den Bereichen Artes, Humanismus, weltliches und kanonisches Recht, Theologisch-praktische Bücher, Erbauungsliteratur und Medizin. Dabei handelt es sich um vorreformatorisch-scholastische Bücher, altgläubige und reformatorische Kontroversliteratur sowie Schriften von An­dreas Bodenstein (1486-1541), Thomas Müntzer (vor 1491-1525) und anderen Zeitgenossen. Entsprechend vielfältig und konfessionell ungebunden waren seine Sichtweisen. Ein von ihm in einem Buch notierter Wahlspruch lautet: „Pflücke die Trauben, die Dornen meide“. Entsprechend ging er mit Büchern und mit religiösen Einstellungen um. Das heutige Wissen von seinen Einstellungen kann durch die Analyse seiner zahlreichen Glossen in seinen Büchern erweitert werden. Sie zeigen einen pragmatischen und lebensfrohen Menschen („Lebe, lasse es Dir gut gehen, sei froh und sei Andreas gewogen.“), der den Kirchenvater Hieronymus verehrt („Hieronymus, Hieronymus. Die Wiederholung deines Namens ist ein Zeichen der Liebe …“), Wert auf humanistische Bildung legt („Tugend überlebt das Begräbnis“; „Erasmus, ein Deutscher, hat die lateinische Übersetzung [die Vulgata] verbessert … Ewiges Lob …“) und nicht viel von der beginnenden Reformation hielt („ein gewisser Mönch Martin Luther, Augustiner“), aber auch nichts vom Mönchtum („Platter Mann [Mann mit Tonsur; Mönch] armer Mann, hätte er noch so gute Kleider an“). So pflegt er z. B. Heiligenkritik („Oh heiliger Antonio, groß, schütze mich …“ korrigiert er in „Oh Jesu, schütze mich …“). Insgesamt zeigt Gronewalt im Zeitalter rivalisierender Deutungsmächte das Lebensmodell, durch begrenzte Teilhabe an der öffentlichen, von den Mächten kontrollierter Religion, nicht aufzufallen, und so umso mehr im privaten Bereich die wirklichen Interessen leben zu können. Nachdem die aufkommende Reformationszeit zunächst viele „Märtyrer“ produzierte, wird das bei Gronewalt beobachtbare Lebensmodell einer Art verborgenem Dissidentismus unter konfessionell Abweichenden zunehmend bedeutsam und herrscht spätestens im 17. Jahrhundert in lutherischen Bereichen vor.

In einem von Dr. Volker Mueller geleiteten abschließenden Forum lobte der wissenschaftliche Tagungsleiter Prof. Bubenheimer das große Interesse und die Diskussionskultur der Teilnehmer und den Ertrag der Tagung, jedenfalls für ihn selbst. Fauth sprach von einer ausbalancierten Tagung mit einer angemessenen Mischung aus historischen Inhalten und Aktualbezügen bzw. kleinteiligen Erkenntnissen und Überblicken.

Dieter Fauth

 

 

Prof. Hartmut Bobzin (rechts) war als Experte gefragt.
Prof. Günter Vogler (rechts) beim Vortrag, interessiert gehoert auch vom wissenschaftlichen Tagungsleiter Prof. Ulrich Bubenheimer. Fabian Scheidler verschafft seinem Auditorium Ueberblicke.
Schwierige Thematik und doch klar verstaendlich: Prof. Dieter B. Herrmann in Aktion. Prof. Ulrich Bubenheimer beim Abschlussvortrag.

 

Ankündigung

 der wissenschaftlichen Tagung der FA vom 5. bis 8. Mai 2016

Die Freie Akademie wird ihre Tagung im Jahr 2016 wieder in der Frankenakademie Schloss Schney durchführen. Während der Tagung vom 5. bis 8. Mai 2016 werden wir im Rahmen von Vorträgen, Arbeitsgruppen und Diskussionsbeiträgen das Thema

„Religiöser Pluralismus und Deutungsmacht in der Reformationszeit“

behandeln. Damit wird ein Beitrag zur Vorbereitung des Luther-Jahres 2017 geleistet.



Mit der Entstehung neuer religiöser Deutungskonzepte in der Reformationszeit und deren Institutionalisierung in Konfessionskirchen verschärfte sich die Spannung zwischen religiösen Einheitsansprüchen und zunehmender religiöser Pluralität. Reformatoren wie Luther oder Calvin beanspruchten Deutungsmacht über die Bibelauslegung und setzten sie der Deutungshoheit der hergebrachten kirchlichen Institutionen entgegen. Indem sich Landes- und Stadtobrigkeiten bestimmte Deutungskonzepte zu eigen machten, konnten sie den zuvor schon im Gang befindlichen Ausbau eines landesherrlichen Kirchenregiments nachhaltig steigern. Gleichzeitig wirkte diese Entwicklung als Impuls zur weiteren Pluralisierung inner- und außerhalb der Konfessionen und strahlte auch auf andere Bereiche wie die Entwicklung der Kunst, des Rechts und der Naturwissenschaften aus. Individuelle Religion differenzierte sich in ein öffentliches Bekenntnis und eine privat gelebte religiöse Praxis.

Die Hauptvorträge dieser Tagung bedenken diese in der Reformationszeit aufbrechende Spannung zwischen den Bedürfnissen nach weltanschaulicher Einheit und nach Pluralität. Noch heute kommt diese Spannung z.B. einerseits in den Rufen nach „Minimalkonsens“ und „Wertegemeinschaft“ und andererseits in dem Bedürfnis nach Weltanschauungs- und Religionsfreiheit zum Ausdruck. Auf der Tagung thematisiert wird das Ringen in diesem Spannungsfeld (1) im Allgemeinen sowie bezogen auf (2) die katholische und evangelische Konfession, (3) die Sicht auf Juden und Judentum, (4) den Umgang des christlichen Abendlandes mit dem Islam, (5) die Rivalität zwischen kapitalistischen Monopolen und egalitären Wirtschaftsformen, (6) das angemessene naturwissenschaftliche Verständnis des Kosmos, (7) die persönliche Orientierung und Lebensführung ausgewählter Personen der ersten Hälfte 16. Jahrhunderts und (8) die heute angemessene Sicht auf die Reformationszeit.

Mit unserer Tagung möchten wir das Geschichts- und Demokratiebewusstsein fördern und das Verständnis für Toleranz und Freiheit stärken. Dabei werden wir - für unsere Gegenwart bedeutsame - Daseins- und Wertefragen interdisziplinär erörtern.

Seien Sie herzlich willkommen vom 5. bis 8. Mai 2016 in Schloss Schney, bei Lichtenfels. Wir freuen uns auf Ihre Teilnahme an unserer sicherlich spannenden Tagung.

 

Dr. Volker Mueller                                      

Präsident der Freien Akademie        

            

Prof. Dr. Ulrich Bubenheimer

Wissenschaftlicher Tagungsleiter 2016

 

Freie Akademie e.V., 14612 Falkensee, Holbeinstr. 61.

Email: Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!

 


 

Wissenschaftliche Tagung 2015: Die Evolution des Kosmos

FA Tagung 2015

 

Bericht über die Wissenschaftliche Tagung der Freien Akademie 2015

In der Zeit vom 14. bis 17. Mai 2015 fand im pentahotel Berlin-Potsdam in Teltow die Wissenschaftliche Tagung der Freien Akademie zum Thema

Die Evolution des Kosmos. Fakten – Vermutungen – Rätsel.

statt. Unter der Tagungsleitung von Prof. Dr. Dieter B. Herrmann, langjähriger Direktor der Archenhold-Sternwarte in Berlin-Treptow, hatten sich ca. 35 Teilnehmerinnen und Teilnehmer eingefunden. Die Tagung wurde durch den Präsidenten der Freien Akademie, Herrn Dr. Volker Mueller, mit einem historischen Rückblick eröffnet. Er verwies auf die Bedeutung der Arbeiten von Kant, Laplace und Herschel für den Gedanken eines sich evolutionär verhaltenen Kosmos, eine notwendige Interdisziplinarität und die Verbindung von philosophischer Ethik und Naturwissenschaften.

Prof. Dr. Dieter B. Herrmann sprach einführend zum Thema 'Auf der Suche nach dem Ursprung des Universums'. Eingangs verwies der Vortragende auf die Voraussetzung der Astrophysik, die universelle Gültigkeit der Naturgesetze. Nur unter dieser Voraussetzung lassen Experimente im irdischen Labor Schlussfolgerungen für die Entwicklung im Kosmos zu. Prof. Herrmann gab einen historischen Abriss der Entstehung der Urknall-Theorie. Ausgangspunkt war die Entdeckung der Rotverschiebung von Spektren ferner Sternsysteme durch den amerikanischen Astronom Edwin Hubble Ende der zwanziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts. Der russisch-amerikanische Physiker George Gamow leitete aus dieser astronomischen Entdeckung die Hypothese des Urknalls ab. Eine der Folgerungen dieser Theorie ist die 3 Kelvin Strahlung, die den kosmischen Raum ausfüllt. Im Zuge der Expansion des Kosmos sank die Temperatur von 1032 K auf die heutige Temperatur von rund 3 K. Die amerikanischen Physiker Penzias und Wilson entdeckten 1965 die von Gamow vorausgesagte 3 K Strahlung. Anschließend wandte sich Prof. Herrmann der Elementarteichentheorie zu. Er gab einen Überblick zu den zwischen den Elementarteilchen herrschenden Wechselwirkungskräften. Des weiteren erläuterte er die Bedeutung des Higgs Boson und seine Entdeckung im Jahre 2012. Der nächste Punkt des Vortrages war die Herausbildung dieser verschiedenen Wechselwirkungskräfte im zeitlichen Verlauf  der Entstehung des Weltalls. Die damit verbundenen Theorien, wie die Existenz supersymmetrischer Teilchen oder die Stringtheorie, sind experimentell noch nicht bestätigt. Abschließend erläuterte Prof. Herrmann, welche Bedeutung die Experimente mit dem Large Hadron Collider (LHC) in Genf für die Urknalltheorie  in Zukunft besitzen werden. 

Am Vormittag des 15. Mai hielt Herr Dr. Christian Spiering einen Vortrag zu dem Thema 'Dunkle Materie im Universum – ein Dauerrätsel?'.  Der Vortragende arbeitet als Elementarteilchenphysiker am DESY in Zeuthen. Von 2002 bis 2005 war Dr. Spiering Sprecher des Hochenergie-Neutrino-Observatorium Ice-Cube. Zu Beginn seines Vortrages gab Dr. Spiering einen Überblick über die astronomischen Beobachtungen, die zu der Annahme führten, dass unsichtbare Materie unseren Kosmos ausfüllt. 1932 stellte der Schweizer Physiker Fritz Zwicky fest, dass ferne Galaxienhaufen nicht durch die Gravitationskraft der sichtbaren Materie zusammen gehalten werden können. Seit 1964 untersuchte die amerikanische Physikerin Vera Rubin die Umlaufgeschwindigkeiten von Sternen im Außenbereich von Galaxien. Dabei konnte sie eine Verletzung des dritten Keplerschen Gesetzes nachweisen. Dies führte zu der Annahme, dass im Kosmos dunkle Materie existieren muss. Diese kann nicht, wie der Vortragende erläuterte, aus normaler Materie, z.B. Protonen und Neutronen, bestehen. Dr. Spiering stellte die aktuellen Modelle für die unbekannte dunkle Materie, die im Vergleich zur normalen Materie fünfmal so häufig im Kosmos vorkommen muss, vor. Dazu zählen die supersymmetrischen Teilchen (SUSY) und die MACHOs, Sterne, in deren Innern keine Kernfusion stattfindet. Letztere konnten dank ihrer Gravitationslinsenwirkung nachgewiesen werden, nur ihre Häufigkeit ist um Größenordnung zu gering, um in summa die Wirkung der dunklen Materie erklären zu können. Gegenwärtig vermutet man, dass sogenannte WIMP (weakly interacting massive particles) Teilchen die dunkle Materie bilden. Auf der Suche nach den WIMP Teilchen unterscheidet man in die direkte und die indirekte Methode. Ausführlich behandelte Dr. Spiering eine indirekte Methode, nämlich die nach der Suche hochenergetischer Neutrinos. Diese müssten sich bilden, wenn viele WIMP Teilchen durch große Massen, wie unsere Sonne, eingefangen werden, im Zentrum der Sonne zusammenstoßen und dabei  hochenergetische Neutrinos erzeugen. Mit Hilfe des  Hochenergie-Neutrino-Observatoriums Ice-Cube sollen diese Neutrinos nachgewiesen werden. Ice-Cube befindet sich in der Antarktis. Die von den Neutrinos erzeugten Lichtteilchen werden von tief im Eis befindlichen optischen Sensoren erfasst und ihre Energie gemessen. 2013 wurden zwei Ereignisse experimentell nachgewiesen, die von hochenergetischen Neutrinos hervorgerufen wurden. In seinem Ausblick stellte Dr. Spiering fest, dass die nächsten 10 Jahre, auch durch die Arbeiten am CERN, die Entscheidung bringen werden, welcher Natur die dunkle Materie ist.

Prof. Dr. Matthias Steinmetz, Wissenschaftlicher Vorstand am Leibniz-Institut für Astrophysik Potsdam (AIP), sprach zum Thema: Dunkle Energie und die beschleunigte Expansion des Universums.  Prof. Steinmetz stellte an den Anfang seines Vortrages die Einsteinsche Gravitationsgleichung, die vor 100 Jahren Eingang in die Wissenschaft fand. Er erläuterte die Voraussetzung der kosmologischen Forschung, die Isotropie und Homogenität des Raumes in großen Skalen. Die Folge ist, dass sowohl in der Newtonschen Kosmologie als auch in der Einsteinschen (Allgemeine Relativitätstheorie) ein anfänglich statisches Universum durch die Wirkung der Schwerkraft kollabiert. Dieses Ergebnis seiner Theorie wollte Einstein durch Einführung kosmischer Konstanten umgehen. Der russische Physiker Friedmann korrigierte Einstein und bewies, dass ein sich ausdehnendes homogenes und isotropes Universum eine Lösung der Einsteinschen Feldgleichungen ist. Die Entdeckung der Rotverschiebung durch Hubble stützte die Friedmannsche Aussage. Nach der Entdeckung der Rotverschiebung war die der 3 K Strahlung die bedeutendste. Diese Hintergrundstrahlung ist bis auf einen Fehler von 400 s die eines schwarzen Körpers mit der Temperatur 3 K. Prof. Steinmetz wies darauf hin, dass dieses Ergebnis der Kosmologie, d.h. der großen Skalen die beste Bestätigung  der Planckschen Quantenmechanik ist. Die Geometrie des Kosmos hängt von der mittleren  Dichte des Universums ab.  Die Inventarisierung des Kosmos ergab, dass diese nur 1% beträgt. Die Beobachtungen von Zwicky legten die Existenz einer unbekannten dunklen Materie nahe, so dass die Dichte 30% erreicht. Die Entfernungs- und Geschwindigkeitsmessung ferner Supernovae, sie beschleunigten sich stärker als erwartet, führte nach bis dahin gängiger Theorie zu einer negativen Gesamtmasse des Universum. Nun erfuhren die Einsteinschen Gravitationskonstanten eine Rehabilitation. Mit ihrer Hilfe konnten die Beschleunigungen der Supernavae modelliert werden. Anschaulich gesprochen ist das Universum ausgefüllt mit einer zurzeit nicht identifizierbaren (dunklen) Energie, welche das Universum auseinander  drückt. Demnach besteht unser Universum zu 60% aus dunkler Energie. Prof. Steinmetz gab einen Überblick über die Erklärungsversuche, was dunkle Energie sein könnte. Nach heutigem Stand der Erkenntnis, sind 95% des Kosmos von mysteriöser Natur, 99 % ist unsichtbar. Alle Komponenten des Kosmos haben dieselbe Größenordnung, was in der Vergangenheit nie der Fall war und auch in Zukunft nicht der Fall sein wird. Dennoch können mit dem Modell  der unsichtbaren Masse und der unsichtbaren Energie detaillierte Vorhersagen über den Zustand des Universums erreicht werden. Dabei spielt die 'Klanganalyse' der Mikrowellenhintergrundstrahlung ( 3 K - Strahlung) methodisch eine große Bedeutung. Kosmische Konstanten, wie z.B. die Krümmungskonstante des Universums können so bestimmt werden. Eindrucksvoll konnte Prof. Steinmetz animierte Simulationen der Entwicklung des Kosmos zeigen, die auf dem Standardmodell beruhen. Für die Untersuchung der dunklen Energie, insbesondere ihre zeitliche Veränderung, wird in naher Zukunft  das integrale Feldspektrometer VIRUS den nahen und den fernen Kosmos spektroskopisch untersuchen.

Am Nachmittag des 15. Mai stand eine Exkursion auf dem Programm der Tagung. Ziel dieser Exkursion war das Leibniz-Institut für Astrophysik auf dem Telegrafenberg in Potsdam. Die Führung durch dieses Wissenschaftsareal übernahm Prof. Dr. Dierck-Ekkehard Liebscher. Der erste Anlaufpunkt war der Doppellinsenrefraktor, der 1899 als einer der größten seiner Zeit eingeweiht wurde. Die Linsendurchmesser betragen 80 und 50 cm. Die Brennweite liegt bei 12,2 m. Prof. Liebscher erläuterte die prinzipiellen Grenzen, die ein Linsenfernrohr aufweist. Der architektonisch bemerkenswerte Einsteinturm war der zweite Ort der Exkursion. Der Einsteinturm wurde insbesondere durch die Initiative des Physikers Erwin Freundlich in den Jahren 1919 bis 1922  erbaut. Er dient zur spektroskopischen Beobachtung der Sonne. Seinen Abschluss fand die Exkursion in einem Keller des ehemaligen Astrophysikalischen Observatoriums Potsdam. In diesem unternahm der amerikanische Physiker Albert A. Michelson im Jahre 1881 erste Experimente mit dem von ihm entwickelten Interferometer. Prof. Liebscher wies auf die in der populärwissenschaftlichen Literatur vorhandenen Inkorrektheiten bzgl. der Interpretation dieser Versuche hin.

Am Freitagabend hielt Prof. Dr. Dieter B. Herrmann den Vortrag: Antimaterie. Gibt es Gegenwelten im Universum? Einleitend erläuterte Prof. Herrmann das Rutherfordsche und das Bohrsche Atommodell. Er berichtete, wie der Physiker Dirac zu Beginn der zwanziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts im Rahmen der relativistischen Elektronentheorie auf die Hypothese der Antimaterie kam. Bereits 1931 konnte Carl Davis Anderson das Antiteilchen zum Elektron, Positron genannt, experimentell nachweisen. Auf Grund seiner großen Masse konnte das Antiproton erst 1955 entdeckt werden. Bei der Wechselwirkung von Materie mit Antimaterie entsteht Gammastrahlung, die eine nach der Einsteinschen Energie-Massenäquivalenz entsprechende Energie besitzt. Erste Antiwasserstoffteilchen konnten 1996 im CERN erzeugt werden. 

Prof. Herrmann wandte sich dann der Frage nach der Existenz von Antiwelten zu. Dazu erklärte er die Theorie von Hannes Alfen. Diese beinhaltet die Folgen, wenn zwei Galaxien, die aus Materie bzw. aus Antimaterie bestehen, aneinander grenzen. Zwischen den Galaxien würde eine hochenergetische Röntgenstrahlung entstehen. Diese konnte bisher im Universum nicht nachgewiesen werden. Das kosmologische Standardmodell geht davon aus, das unmittelbar nach dem Urknall Materie und Antimaterie gleich häufig vorhanden waren. Ab 380000 Jahre nach dem Urknall fingen die Protonen die Elektronen ein. Man sagt, ab diesem Zeitpunkt wurde das Universum durchsichtig. Ein Modell, dass das nicht Vorhandensein der Antimaterie erklärt, ist das Modell der Majoronen. Diese Superteilchen zerfielen in Neutrinos und Antineutrinos, aber nicht in identisch viele. Diese reagierten mit Elektronen und Positronen, was zur Bildung der Quarks und Antiquarks führte. Die Symmetrie zwischen Protonen und Antiprotonen war leicht verletzt. Auf eine Milliarde Antiprotonen kamen eine Milliarde plus eins Protonen. Bis dahin waren die Elementarteichenphysiker davon ausgegangen, dass die Physik invariant gegenüber Vorzeichenänderung der Ladung und der Spiegelung der räumlichen Koordinaten ist. Die Brechung dieser Symmetrie (CP-Symmetrie) konnte in den letzten Jahrzehnten experimentell nachgewiesen werden. Das bedeutet, dass Materie und Antimaterie keine Spiegelbilder sind. Die Suche nach Antikohlenstoffatomen, sie würden die Existenz von Sternen aus Antimaterie beweisen, blieben bisher erfolglos.

Die Tagung fand am 16. Mai mit dem Vortrag 'Exoplaneten – Auf der Suche nach der zweiten Erde' von Prof. Dr. Joachim Wambsganß, Direktor des Zentrums für Astronomie der Universität Heidelberg (ZAH), seine Fortsetzung. Einleitend sprach Prof. Wambsganz über unser Planetensystem und stellte die gängige Definition für Planeten vor. Eine  Planetensuche (Exoplaneten) vor Ort bei den Sonnen in unserer Milchstraße fällt wegen der großen Entfernung aus. Die nächst gelegene Sonne Alpha Centauri ist 4,3 Lichtjahre entfernt und eine Raumsonde bräuchte ca. 140 000 Jahre, um diese Sonne zu erreichen. Für eine direkte Beobachtung von Exoplaneten durch Teleskope ist die geometrische Auflösung der Teleskope auf lange Sicht nicht ausreichend. Der Vortragende ging der Frage nach, wie Exoplaneten gefunden werden können. Er stellte drei Verfahren vor: die Geschwindigkeitsmessung, die Positionsmessung und die Helligkeitsmessung. Die Geschwindigkeitsmessung ist ein spektroskopisches Verfahren und misst den Dopplereffekt des Lichtsignals einer Sonne, der durch die  Bewegung um den gemeinsamen Schwerpunkt von Sonne und Planet hervorgerufen wird. Voraussetzung ist, dass diese Bewegung  für den Beobachter in einer horizontalen Ebene stattfindet. Prof. Wambsganß gab für dieses Verfahren eine quantitative Abschätzung an. Sie besagt, dass die relative Veränderung der Wellenlänge des Lichtsignals bei 3 mal 10-8 liegt. Daraus ist die Anforderung an die spektroskopische Messapparatur ablesbar. Bisher wurden mit dieser Methode rund einhundert Exoplaneten gefunden. Die zweite Methode, die Positionsmessung, bedarf der Voraussetzung der ersten Methode, Bewegung in horizontaler Orientierung, nicht. Die Ortsveränderung, hervorgerufen durch den umkreisenden Exoplaneten, der Sonne ist gegenwärtig noch nie gemessen worden. Prof.  Wambsganß ist optimistisch, dass mit Hilfe der Raumsonde Gaia in naher Zukunft mit dieser Methode Exoplaneten gefunden werden können. Der dritten Methode liegt die 'Abdunklung' der Sonne, hervorgerufen durch den Planten, der sich periodisch zwischen Sonne und Beobachter bewegt, zu Grunde. Die vierte Methode beruht auf einem Effekt, der durch die Allgemeine Relativitätstheorie begründet wurde. Licht erfährt durch Gravitationsfelder eine Ablenkung. Bewegt sich zwischen Beobachter und Stern ein weiterer Stern, so wird der hintere Stern durch den Gravitationslinseneffekt doppelt abgebildet. Besitz der Stern, der für die Gravitationslinse verantwortlich ist, noch einen Planeten, so wird die Abbildung des Sterns, dessen Licht durch die Gravitationslinse geht, spezifisch verändert. Diese Veränderung weist auf einen Exoplaneten hin. Der erste Exoplanet wurde 1995 mit Hilfe des Dopplereffekts gefunden. Später wurden auch Planetensysteme identifiziert. Nach heutiger Erkenntnis hat im Mittel jeder Stern unserer Milchstraße wenigstens einen Planeten. Es wurden bei 1210 Sternen 1915 Planeten entdeckt. Einige von ihnen sind erdähnlich.

An diese Aussagen konnte Herr Andreas Anton vom Institut für Grenzgebiete der Psychologie und Psychohygiene in Freiburg anknüpfen, als er zu dem Thema 'Wenn die Außerirdischen kämen...' sprach. Der Untertitel seines Vortrages lautete: Mögliche kulturelle Konsequenzen eines Erstkontaktes mit dem maximal Fremden. Seine Ausführungen waren in vier Punkten untergliedert. Der erste Punkt beinhaltete einen historischen Abriss zu der Frage, ob wir alleine im Universum sind. Der zweite Punkt widmete sich dem SETI-Programm. Der dritte Gliederungspunkt befasste sich mit den 'Voraussetzungen des Nachdenkens über die Konfrontation der Menschheit mit einer außerirdischen Zivilisation'. Der letzte Punkt des Vortrages enthielt eine Szenario-Analyse. Im ersten Punkt erinnerte Herr Anton, dass schon in der Antike über die Existenz Außerirdischer nachgedacht wurde. Mit dem Siegeszug des heliozentrischen Weltbildes wurde die Frage nach Außerirdischen neu gestellt. Die Entwicklung der Weltraumtechnik intensivierte ebenfalls diese Frage. Herr Anton erläuterte die zu Beginn der 60-ziger Jahre des letzten Jahrhunderts aufgestellte Wahrscheinlichkeitsformel für außerirdische Intelligenz in unserer Milchstraße. Der Autor dieser Formel war der amerikanische Astronom Frank Drake. Zur selben Zeit wurde das SETI-Experiment gestartet. Insbesondere mit Hilfe der Radioastronomie wird in diesem Langzeitexperiment der Weltraum nach Signalen abgescannt, die auf intelligente Absender schließen lassen - bisher ohne positiven Befund.Im Punkt drei seiner Ausführungen erläuterte der Redner den methodologischen Ansatz, wie man bei zukünftigen ungewöhnlichen Ereignissen, wie das Zusammentreffen mit außerirdischer Intelligenz, zu soziologischen Aussagen gelangen kann. Er verwies darauf, dass solche Methodik der Futurologie bereits in der Zeit des  kalten Krieges bei der Beschreibung der Folgen eines globalen Atomkrieges zur Anwendung kam. Herr Anton gab die Vorannahmen einer Szenario-Analyse an. Besonders hervorhebenswert war der Punkt, der auf die Vermeidung einer anthropozentrischen Voreingenommenheit hinwies. Es wurden drei Szenarien diskutiert. Das erste Szenario beruhte auf der Annahme, dass der Kontakt zu einer außerirdischen Intelligenz, die in großer Entfernung existiert, hergestellt wird. Hier besteht eine Nähe zum SETI-Experiment. Im zweiten Szenario stoßen die Menschen auf Überbleibsel einer außerirdischen Intelligenz. Beispielhaft behandelt in dem Film „2001“ von Stanley Kubrick aus dem Jahr 1968. Ein direkter Kontakt ist der Inhalt des dritten Szenario. Hier verwies Herr Anton auf das ungewöhnliche Hörspiel 'War of the Worlds', welches Orson Welles 1938 nach dem Buch 'Krieg der Welten'  von H. G. Wells in den USA inszeniert hatte. Die Ausstrahlung dieses Hörspiels, dass die Landung Außerirdischer zum Inhalt hatte, löste ein Massenhysterie aus. In seinem Fazit betonte Herr Anton, dass die Existenz außerirdischen Lebens nicht ausgeschlossen werden kann. Eine Begegnung mit ihr wäre ein epochales Ereignis, welches unser Leben grundlegend verändern würde.

Am Nachmittag des 16. Mai wurden Kurzvorträge offeriert.

Der erste wurde von Herrn Dr. Alexander Warmuth, Mitarbeiter am Leibnitz-Institut für Astrophysik Potsdam, gehalten. Das Thema seines Vortrages lautete: Der Sonne entgegen, Sonnenforschung vom Weltraum aus. Im Gegensatz zu der  langfristigen Entwicklung der Sonne, sind die kurzzeitigen Sonnenaktivitäten noch nicht befriedigend physikalisch interpretierbar. Herr Warmuth erklärte, dass in den Sonnenflecken, die schon Galilei beobachtet hatte, Magnetfelder existieren, deren Stärke die der Erde um den Faktor 1000 übertreffen. Diese starken Magnetfelder behindern den Masse- und damit den Energietransport. Letzteres führt zur Abkühlung, die dann als dunkle Flecken wahrgenommen werden. Beobachtungen von Weltraum aus ergaben, dass diese dunklen Flecken Areale höchster Aktivitäten im UV-Bereich sind. Ungeklärt ist heute das Phänomen, dass die Sonnenoberfläche eine Temperatur von 6000°C aufweist, während die Temperatur des Gases der Sonnenkorona 1 000 000°C  beträgt. Vorhersagen von Sonnenaktivitäten besitzen für die Luftfahrt, die im starken Maße von Elektronik und Sensorik abhängig ist, immense Bedeutung. Zum Ende seines Vortrages stellte Herr Warmuth den Solar Orbiter vor. Diese nächste europäische Sonnenmission wird 2017 starten. Hervorhebenswert ist dabei ein Röntgenstrahlungsteleskop, an dessen Entwicklung das Institut in Potsdam beteiligt ist.

Den zweiten Kurzvortrag hielt Herr Studienrat Christian Michelsen aus Falkensee. Sein Vortrag hatte den Titel: Die Atomtheorie von Leukipp und Demokrit - eine wissenschaftlich anschlussfähige Spekulation der griechischen Philosophie? Herr Michelsen betonte einleitend, dass die Atomtheorie von Leukipp und Demokrit den krönenden Abschluss der Vorsocratischen Epoche der griechischen Philosophie darstellte. Aristoteles setzte sich mehrfach kritisch mit dem Atomismus auseinander, was der Vortragende mit einem Textbeispiel illustrierte. Erst in der Renaissance fand die Theorie von Leukipp und Demokrit wieder Beachtung. Die Argumentation der Atomisten gegenüber den philosophischen Ansichten, wie sie in der Schrift des Parmenides zum Ausdruck kam, war wissenschaftlich-methodologisch bedeutsam. Herr Michelsen zitierte hierzu den Philosophen Karl Popper, der darauf hinwies dass der Atomismus als erste physikalische Hypothese anzusehen ist, die das direkte Ergebnis eines falsifizierenden, deduktiven Arguments war.  Demokrit besaß, auf Grund der postulierten Unbeobachtbarkeit der Atome,  die Meinung, dass seine Atomtheorie sich einer empirischen Untersuchung entzieht. Erst die Umwandlung der Atomtheorie als metaphysische Theorie in eine Hypothese, die dann empirisch und mathematisch seit Beginn des 20. Jahrhunderts getestet werden konnte, hat die Atomtheorie zum erfolgreichsten Modell der griechischen Naturphilosophie gemacht.

Den letzten Kurzvortrag hielt Herr Dr. Rüdiger Blaschke aus Wuppertal zu dem Thema: Vom Urknall zur Spiritualität, Möglichkeiten und Schwierigkeiten des Erkenntnistransfer. Herr Dr. Blaschke versuchte den Bogen von der Evolution des Kosmos zur Weltanschauung zu schlagen. Er ging auf Fragen ein, wie 'was ist Fundamentalismus' und wie stehen Wissenschaft und Religion zur Weltanschauung. Herr Dr. Blaschke forderte im Sinne des Systemdenkens und der Synergie eine einheitliche Behandlung solcher Themen wie Entwicklungspsychologie, Evolutionstheorie des Kosmos und des menschlichen Lebens ein.

Nach den Kurzvorträgen gab es traditionell die gut genutzte Möglichkeit, in drei Arbeitsgruppen mit den Referenten weiter zu diskutieren und das bisher Erfahrene zu vertiefen.

Seinen Abschluss fand der Samstag mit einem Musischen Abend. Frau Silvana Uhlrich-Knoll aus Potsdam trug zur Freude ihrer Zuhörer auf gekonnte und charmante Weise Chansons vor.

Den ersten Vortrag am Sonntag, dem 17. Mai, hielt Herr Dr. Peter Habison aus Wien. Sein Vortragsthema lautete: Das Projekt E-ELT – das größte Teleskop der Welt. In der chilenischen Atacamawüste wird zurzeit das größte astronomische Teleskop der Welt errichtet. Es trägt den Namen European Extremely Large Telescope (E-ELT). Es wird durch die Europäische Südsternwarte ESO erbaut. Herr Dr. Habison gab einen Überblick zur beeindruckenden Geschichte der ESO. Der Hauptspiegeldurchmesser des E-ELT soll 39 m betragen. Er ist aus 798 sechseckigen Spiegelelementen  zusammengesetzt. Damit soll die Lichtstärke des  neuen Teleskops um den Faktor 15 größer sein, als das derzeitig größte Teleskop.  Mit seinen Abmaßen von 86 m Höhe und 100 m Durchmesser, stellt das Teleskop den Wiener Stephansdom in den Schatten, wie Dr. Habison betonte. Das E-ELT besitzt seine spektrale Empfindlichkeit in den Wellenlängenbereichen optisches, nah- und mittleres-Infrarot. Das optische Design des Teleskops weist neben dem Hauptspiegel vier weitere Spiegel auf, die sich im Strahlengang zwischen Hauptspiegel und Beobachter befinden. Der vierte Spiegel besitzt adaptive Eigenschaften. Ein Wellenfrontsensor misst die Störungen, die eine ebene Wellenfront erleidet bevor sie in das Teleskop eintritt. Solche Störungen sind z.B. Dichteschwankungen in der Atmosphäre. Man rechnet damit, dass das E-ELT auch eine 15-fache geometrische Auflösung (Bildschärfe) im Vergleich zum Hubbleteleskop aufweisen wird. Die Wissenschaft erhofft sich durch den Einsatz des E-ELT, man rechnet mit den ersten Beobachtungen ab 2024, neue Erkenntnisse zu der Erforschung von hochrotverschobenen Galaxien, Sternentstehung, Exoplaneten und protoplanetaren Scheiben.

Mit dem Beitrag 'Wie wahr sind die Aussagen der Naturwissenschaft' fand die Tagung ihren Abschluss.  Der Vortragende war der Philosoph Prof. Dr. Herbert Hörz, langjähriger Präsident der Leibniz-Sozietät. Prof. Hörz befasste sich in seinem Vortrag mit acht ausgewiesenen Schwerpunkten. Diese waren, die Erkennbarkeit des Universums, die Frage, was Wahrheit ist, von Wahrheitssuchern und Meinungsliebenden, über Be- und Verwertung von Erkenntnissen und über den Zweifel an objektiver Wissenschaft mit objektiven Wahrheiten, die Hypothesen der Physik aus philosophischer Sicht, Wahrheit und Wert von Erkenntnissen und schlussendlich über den Wert der Wahrheit. Die Differenzierung der Wahrheit in relative und absolute Wahrheit spielte in den Ausführungen von Prof. Hörz eine zentrale Rolle. Der stetige Formenwandel der Natur und ihre Unerschöpflichkeit lassen nach Ansicht des Redners keine absoluten wissenschaftlichen Wahrheiten zu. Die Wahrheit ist ein komplexes Gebilde und die Synthese von Teilwahrheiten ergibt nicht notwendig ein wahres Gesamtbild wieder. Prof. Hörz ist der Meinung, dass der Erkenntnisprozess sich von einfachen zu komplexen Wahrheiten hin vollzieht.  Die Kriterien, die bei der Suche nach  objektiver Wahrheit, eingehalten werden müssen (notwendig), sind logische Widerspruchsfreiheit, praktische Überprüfbarkeit und Reproduzierbarkeit. Zur Frage, was ist Wahrheit, betonte Prof. Hörz die Äquivalenz zwischen Erkenntnis und  Erkenntnisobjekt. Ob eine Äquivalenz hergestellt wurde, wird durch die Praxis entschieden. Auch auf die Zeitabhängigkeit, der historische Aspekt,  der Wahrheit wurde durch den Vortragenden hingewiesen. Zwischen philosophischen Hypothesen und physikalischer Forschung besteht ein Wechselspiel. Im positiven Fall, wie am Vortag im Vortrag über die Atomistik von Leukipp und Demokrit erläutert, besitzt die philosophische Hypothese einen bedeutsamen heuristischen Impuls für die konkrete physikalische Forschung. Abschließend verwies Prof. Hörz auf den Aspekt, dass Wahrheitssuche eine Überlebensstrategie des Menschen ist.    

Die Tagungsteilnehmenden waren für die exzellente Tagung und deren Leitung durch Herrn Prof. Dr. Dieter B. Herrmann sehr dankbar. Durchweg gab es positive Resonanzen und Rückmeldungen, vor allem in dem abschließenden Akademie-Forum. Das Tagungsprogramm hat viele neue Erkenntnisse und Einblicke als auch Anregungen für weiteres Neugierigsein erzeugt. Offene, noch nicht erklärbare Sachverhalte über unseren Kosmos regen an, unsere Daseinsfragen zu erkennen und weiter zu verfolgen.

Die Video-Zusammenfassung der Tagung der Freien Akademie ist zu finden unter:

https://www.youtube.com/watch?v=EFvyMHO-U6k

 

Dr. Martin Scheele

  


 

Bericht über die Tagung 2014 

Die diesjährige Tagung der Freien Akademie fand vom 1. bis 4. Mai 2014 in der Frankenakademie Schloss Schney in Lichtenfels statt. Sie stand aus aktuellem Anlass - vor 100 Jahren begann der Erste Weltkrieg - unter dem Thema „Frieden und Krieg im 20. und 21. Jahrhundert – Ursachen, Konsequenzen, Alternativen“. Das reichhaltige Programm bot 7 Plenar- und 6 Kurzvorträge, verbunden mit lebhaften ertragreichen Diskussionen.

In einer knapp gehaltenen Einführung charakterisierte der Präsident der FA und wissenschaftliche Tagungsleiter, Volker Mueller, Frieden und Krieg als grundlegendes globales Thema des Daseins und Zusammenlebens der Menschen und als interdisziplinär angelegten Gegenstand wissenschaftlicher Arbeit. Er brachte die Hoffnung zum Ausdruck, dass die Anstrengungen um Frieden erfolgreicher sein mögen. Er nannte Zielstellungen der Tagung und sprach die Erwartung reicher inhaltlicher Erträge der Referate und Diskussionen aus.

Die Reihe der Plenarvorträge eröffnete Gerhard Sollbach, Professor für mittelalterliche Geschichte aus Dortmund. Er hatte das Thema „Kraftvoll schlägt die Flamme vaterländischer Begeisterung empor“ gewählt. Im Mittelpunkt seiner Darlegungen stand die Art und Weise, mit der bestimmte Kreise der deutschen Bevölkerung auf Beginn und Verlauf des 1. Weltkrieges reagierten. An Hand zahlreicher Fotos und Pressenotizen aus dem Sommer 1914 wies Sollbach nach, dass zunächst eine Kriegseuphorie vorherrschte. Parallel dazu wurden jedoch auch Gleichgültigkeit, Angst und Sorge im Zusammenhang mit dem Kriegsgeschehen laut. Am Beispiel von Presseberichten aus den westfälischen Städten Hagen und Haspe über die Stimmung in der Bevölkerung zeigte der Referent, dass der Zweifel der historischen Forschung an einer allgemeinen Kriegsbegeisterung seine Berechtigung hat. Sollbach vertrat und erläuterte seine These: Nicht die Kriegsbegeisterung, sondern Nationalstolz und Pflichterfüllung trieben die deutschen Soldaten in den Krieg, verbunden mit der Ansicht, dies sei ein gerechter Krieg für das Vaterland. 

Werner Onken, Diplom-Ökonom und wissenschaftlicher Mitarbeiter aus Oldenburg, sprach zum Thema „Krieg und Frieden aus ökonomischer Sicht“. Der Vortragende merkte kritisch an, dass sich die klassische Ökonomie kaum mit der Problematik von Krieg und Frieden beschäftigt habe. Er charakterisierte die wirtschaftliche Bedeutung eines Krieges, u. a. als Profitquelle durch die massenhafte Produktion von Kriegsmaterial und den Kampf um Ressourcen. Er hob die besondere Rolle der Militärökonomie hervor und bezeichnete sie als „Betriebswirtschaftslehre der Streitkräfte“. Onken stellte der klassischen Ökonomie eine alternative Ökonomie gegenüber, die sich durch eine pazifistische Grundhaltung auszeichnet und um die sich namhafte Ökonomen wie H. George, S. Gesell und J. Keynes verdient gemacht haben. Für die alternative Ökonomie geltend, hob der Referent folgende Auffassungen hervor:

- Für Boden und andere Ressourcen gilt für jeden Menschen das Recht der gleichen Teilhabe.

- Als Quelle für Unfrieden sind gesellschaftliche Strukturen anzusehen.

- Strukturelle Ungerechtigkeit einschließlich der Geldwirtschaft stört den Frieden.

- Eine solche Art Ökonomie lehnt den Kolonialismus ab und spricht sich für eine Internationalisierung der Ressourcen und des Welthandels aus.

Im Sinne dieser Positionen beklagte Onken die Ressourcenverschwendung für Kriegszwecke sowie die umfangreichen Geschäfte mit Waffen und kritisierte damit zusammenhängend die gegenwärtige Ökonomie und Politik.

Das Thema „Zum Unfrieden verurteilt? Ressourcenknappheit und mögliche zukünftige Kriegsgefahren“ hatte Franz M. Wuketits, Biologe und Professor an der Universität Wien, für seinen Vortrag gewählt. Er ging davon aus, dass es durchaus möglich sei, Geschichte auch in jüngerer Zeit als Kriegsgeschichte zu interpretieren. Damit verbunden stieß er auf die Frage: Was ist ein Krieg? und beantwortete sie nach folgenden Kriterien:

- einheitliche Überzeugung der Kriegführenden,

- Zerstörungsabsicht bis zur Ausrottung,

- strategische Planung,

- Waffeneinsatz und das Schaffen einer entsprechenden Kriegsindustrie.

Über eine Betrachtung der Vorstufen von Kriegen, z. B. bei rivalisierenden Schimpansenhorden und gewaltsamen Auseinandersetzungen von Steinzeitmenschen kam Wuketits auf Kriegsursachen zu sprechen: ethnische Konflikte und Nationalismus, religiöser Fanatismus, Totalitarismus, Ressourcengewinnung. Am Beispiel des Kampfes um die Ressource Wasser und am Beispiel von Jugendarbeitslosigkeit zeigte der Referent Konfliktpotenziale auf, die möglicherweise in kriegerische Auseinandersetzungen münden können.

Wuketits widmete sich auch der Frage: Was können wir gegen Krieg und Kriegsgefahr tun? Dazu nannte er die folgenden Gesichtspunkte, welche zu Antworten führen:

- Abrüsten und humane Verwendung der dadurch frei werdenden Mittel,

- Abbau sozialer Spannungen,

- Sichern von Ressourcen im weltweiten Maßstab,

- mehr Investitionen in Bildung,

- Abbauen von Fanatismus und Fundamentalismus.

Jedoch Wuketits merkte auch eine Tendenz des Pessimismus hinsichtlich der zukünftigen Friedenssicherung an.

Als eine von allen Teilnehmern begrüßte Bereicherung des Tagungsprogrammes erwies sich die am 2. Mai durchgeführte Exkursion in das Friedensmuseum und die Lernwerkstatt Frieden in Meeder bei Coburg. Mitglieder des Vereins „Friedensmuseum Meeder e. V.“ führten durch die umfangreiche Ausstellung. Drei Schülerinnen schlüpften in die Rolle der Coburger Friedensaktivistin Anna B. Eckstein (1868 – 1947) und sprachen über ihr Leben und Werk. Der Besuch hinterließ einen nachhaltigen Eindruck und förderte den Wunsch zutage, bei künftigen Veranstaltungen der FA erneut derartige Unternehmungen anzubieten.

Thomas Junker, Evolutionsbiologe, Professor in Tübingen, widmete sich am Freitagabend dem Thema „Biowaffe Kunst? Warum sie Frieden schafft und Kriege schürt“. Mit dem Begriff „Biowaffe“ charakterisierte der Vortragende die Wirkung von Kunst auf Krieg und Frieden und führte dazu als Beispiel die Geburt des Dadaismus während des 1. Weltkrieges an. Die Frage: Muss Kunst auf Töten, Blutvergießen und Mord hinauslaufen? leitete Junker zu einem Exkurs über die evolutiven Wurzeln der Kunst. Unter evolutionsbiologischem Aspekt betrachtet, beginnt Kunst immer beim Einfachen; künstlerische Talente und Interessen sind in der Natur des Menschen angelegt. Die „Kunstfähigkeit“ des Homo sapiens ist wahrscheinlich vor ca. 200.000 bis 100.000 Jahren entstanden und war mit einem evolutionären Erfolg verbunden. Damit kann auch die Frage: Warum sind die künstlerischen Fähigkeiten entstanden? beantwortet werden. Kunst hatte zweifellos einen Nutzen für das Wohlergehen, Überleben und die Fortpflanzung der Menschen. Allerdings steht dem die These von der Zweckfreiheit der Kunst gegenüber. 

Junker verdeutlichte an Hand zahlreicher, durch Bilder gestützte Beispiele, welche vielfältigen Funktionen Kunst haben kann. Sie fördert z. B. den Gruppenzusammenhalt nach innen, aber auch die Abwehrbereitschaft und Aggression nach außen. Kunst kann Quelle für Abgrenzung, aber auch aggressives Signal sein und als Aggressionsverstärker, z. B. durch Hässlichkeit, wirken. 

Das Thema „Gewaltfreie und lebensfreundliche Konfliktlösungen – Chancen der Mediation“ brachte Tina Bär, M. A., Politik- und Verwaltungswissenschaftlerin und Mediatorin aus Berlin, den Zuhörern am Samstagvormittag nahe. Die Rednerin ging von den Funktionen der Mediation aus und legte dar, welchen Beitrag sie zur Friedenssicherung leisten kann. Bei der Mediation – so Bär – gehe es nicht um Recht oder Unrecht, sondern darum, die Ursachen eines Konfliktes zu ergründen und über Wege zur Lösung zu einer Entspannung der Situation zu kommen. Die Vortragende machte das Auditorium mit dem Konzept der gewaltfreien Kommunikation nach Marshall B. Rosenberg (1963) bekannt, das sich der „Wolfssprache“ und der „Giraffensprache“ bedient und die folgenden Schritte umfasst:

- Beobachten ohne zu bewerten,

- Gefühle wahrnehmen und ausdrücken,

- Verantwortung für die eigenen Gefühle übernehmen und Bedürfnisse benennen,

- Bitten ohne zu fordern.

Bär sprach auch über die Funktionen eines Mediators und die Anforderungen, die an einen solchen gestellt werden. In ihre Darlegungen flocht sie zahlreiche Beispiele der Mediation von Einzel- und Gruppenkonflikten sowie der internationalen Politik ein. Sie betonte, dass es Grenzen der Mediation bei der Eskalation von Konflikten gibt.

Matthias Jochheim sprach zu uns nicht nur als ärztlicher Psychotherapeut aus Frankfurt/M., sondern auch als Vertreter der International Physicians for the Prevention of Nuclear War (IPPNW) zum Thema „Krieg als eine soziale Krankheit – der Beitrag von Ärzten zu ihrer Verhütung“. Im ersten Teil seines Vortrages kennzeichnete Jochheim das gesellschaftliche Engagement bekannter Persönlichkeiten gegen den Krieg. An Beispielen legte er dar, wie sich Rudolf Virchow, Sigmund Freud, Erich Fromm, Alexander und Margarete Mitscherlich, Stavros Mentzos und Horst-Eberhard Richter für den Frieden eingesetzt haben. Es reifte die Erkenntnis, dass Krankheiten gesellschaftliche Ursachen haben und eine Unterscheidung von Aggression und Destruktion notwendig erscheint.

Im zweiten Teil seiner Ausführungen stellte Jochheim einige Aktivitäten von Mitgliedern der IPPNW gegen Atomkrieg, für Abrüstung und Frieden vor. Dazu gehören das Eintreten für die Verhinderung eines Atomkrieges, die Lösung der Probleme um Atomkraftwerke und nuklearen Müll, das Eintreten für die Rechte Unterprivilegierter, das Lösen medizinethischer Probleme, die Schaffung einer Kultur des Friedens.

Im Rahmen der am 3. Mai gehaltenen Kurzvorträge legte Dr. Dieter Fauth (Zell am Main) mit seinem Thema „Zur personalen Aktualität des Großen Krieges bis heute“ dar, wie in seiner Familie persönliche Entwicklungen und Schicksale mit Krieg und Frieden verbunden waren und sind, dadurch eine generationenübergreifende Familienprägung erfolgte. 

Renate Bauer (Ludwigshafen) referierte zum Thema „Freigeistige zum 1. Weltkrieg“. Sie verwies auf zeitgenössische Quellen freigeistiger Literatur, die zunächst kriegsunterstützende, ab 1915 verstärkt kriegskritische und –ablehende Äußerungen enthielten.

Über „Die deutschen Volksgruppen Mittel- und Südosteuropas seit dem 1. Weltkrieg – Leidensweg, Status quo und Zukunftsaussichten“ sprach Dr. Mathias Weifert (Miltenberg). Dabei äußerte er sich u.a. kritisch über den Begriff Volksgruppe.

Dr. Dr. Jan Bretschneider (Weimar) griff mit seinem Thema „Ist der Mensch von Natur aus aggressiv?“ mögliche biotische Grundlagen für Aggressivität und Aggressionen des Menschen auf und zeigte, dass derartiges Verhalten in das Möglichkeitsfeld des gesamten Sozialverhaltens (agonistisches Verhalten) einzuordnen ist.

Zum Thema „Philosophische Anmerkungen zum Verhältnis von Fortschritt und Krieg“ referierte Christian Michelsen (Falkensee). Diese Zusammenhänge erläuterte er an Hand von Caesars Rechtfertigung der Eröffnung des Krieges in Gallien, von Ian Morris’ Theorie des produktiven Krieges und des geschichtsphilosophischen Utilitarismus.

Ausführungen zum Thema „Gewaltfreiheit als Grundlage des Weltfriedens“ machte Dr. Rüdiger Blaschke (Wuppertal). Er stellte eine Ethik der Gewaltfreiheit vor und sprach über Grundsätze gewaltfreien Verhaltens und ihre Anwendungsebenen. 

Vier Arbeitsgruppen boten am weiteren Nachmittag des 3. Mai den Tagungsteilnehmern zusätzlich Gelegenheit, die in den Vorträgen und anschließenden Diskussionen angesprochenen Sachverhalte und Probleme aufzugreifen und weiter zu besprechen. Das geschah ausgiebig zu den Themen „Verhältnis von Ökonomie und Krieg“, „Ursachen, Verlauf und Ergebnisse des 1. Weltkrieges“, „Gewaltfreie Konfliktlösungen“ und an Hand des Filmes „Die Elsässer“. 

Der Samstag wurde durch einen erfreulichen Musischen Abend beschlossen. Der Liederzyklus von Franz Schubert „Die schöne Müllerin“, der durch Frau Brinckmann, Herrn Inderfurth und Herrn Verlande vorgetragen wurde, war eine willkommene Ergänzung zu den intensiven Diskussionen der Tagung.

Abschließend referierte am 4. Mai im Plenum Prof. Bernhard Verbeek, Zoologe und Biologiedidaktiker aus Dortmund, zum Thema „Die anthropologischen Wurzeln von Kriegsbereitschaft“. Der Vortragende leitete seine Ausführungen mit einem ukrainischen Sprichwort ein: Wo die Fahnen wehen, ist der Verstand in der Trompete. Er wies an Hand zahlreicher Beispiele nach, dass, seit es soziale Gruppen gibt, Konflikte nach innen und nach außen existieren. Entsprechend dem Prinzip des Historismus vorgehend, erläuterte er, wie die Verhaltenssteuerung selektionsunterworfen ist. Jedoch, so Verbeek, die Evolution sei keine moralische Anstalt! Eigenschaften wie Kampfmoral gehörten zu den Überlebensstrategien im prähumanen und humanen Bereich und bestimmten neben der Genkonstellation den evolutionären Erfolg mit.

Verbeek ging auch auf den naturalistischen Fehlschluss ein, der die negativen Seiten der Evolution mit deren Natur rechtfertige und die kulturelle Überformung vernachlässige. Aber auch Kultur ist ein Evolutionsprodukt! Der Redner führte einige Beispiele an (Bedeutung von Kraft und Macht, Infantizid, Opfer- und Verteidigungsbereitschaft), wie Natur- und Kulturfaktoren in sozialen Gruppen zusammenwirken.

Zur Frage: Was können wir tun? nannte Verbeek das Ausformen einer „Verhaltenshygiene humanistischer Prägung“ und nicht nachlassende Aufklärung als Möglichkeiten, an „Die Wurzeln des Krieges“ – so der Titel seines Buches – heranzukommen. 

Im abschließenden Forum am Sonntagvormittag fand der Dialog zwischen Referenten und Auditorium bilanzierende Fortsetzung, die vom Tagungsleiter moderiert wurde. Hier standen der Begriff Urkatastrophe, Schlussfolgerungen und Konsequenzen aus der Kriegs- und Friedenshistorie im Mittelpunkt. Frieden bedeutet mehr als Nicht-Krieg; es gilt auch die Ursachen für Frieden zu finden. Dafür ist es erforderlich, das Problem Krieg – Frieden global zu sehen und zu lösen. 

Diese Tagung wird von der Bundeszentrale für politische Bildung – mit Unterstützung des Paritätischen Bildungswerkes Bundesverband – gefördert.

 Dr. Dr. Jan Bretschneider, Weimar


 

Mitgliederversammlung der Freien Akademie tagte

Auf der Mitgliederversammlung der Freien Akademie e.V. am 1. Mai 2014 wurden die aktuellen Aufgaben der Freien Akademie beraten. Besonders erfreulich sind die guten Resonanzen zu den letzten wissenschaftlichen Tagungen und der Vertrieb der Schriftenreihe der Freien Akademie. Die Schriftenreihe wird weitergeführt, soll aber verstärkt beworben und verbreitet werden. Auch andere Medien sollen mehr genutzt werden.

Wichtig für die weitere Tätigkeit der Freien Akademie ist die kritische Beschäftigung mit ihrer Vor- und Frühgeschichte. Sie wird weitergeführt.

Das Präsidium wurde gewählt: Als Präsident Dr. Volker Mueller (Falkensee), als Vizepräsidenten Dr. Dieter Fauth (Zell am Main) und Dr. Martin Scheele (Brieselang), als Schatzmeisterin Ingrid Hesse (Lübeck) und als Beisitzer Wilfried Zöllner (Berlin) wieder bzw., im Fall von Ingrid Hesse, neu gewählt.

Die Freie Akademie wird ihre wissenschaftliche, vor allem interdisziplinär und überkonfessionell angelegte Arbeit weiterführen und sich stets bemühen, für alle Interessenten gute Angebote zu unterbreiten und interessante Tagungsthemen zu gestalten. Dabei will sie u.a. auch neue Mitglieder gewinnen.

Freie Akademie, Dr. Volker Mueller, D – 14612 Falkensee, Holbeinstr. 61
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www.freie-akademie-online.de