Aktuelles

Einladung zur wissenschaftlichen Tagung 2018

„Solange das Gehirn ein Geheimnis ist, wird auch das Universum ein Geheimnis bleiben.“

(Santiago Ramón y Cajal)

Die wissenschaftliche Tagung der Freien Akademie wird vom 10. bis 13. Mai 2018 in der Frankenakademie Schloss Schney stattfinden. Es wird das Thema "Das menschliche Gehirn" behandelt.

Über Jahrhunderte hinweg waren den Menschen das Gehirn und der Geist, das Denken und Wollen, das Erinnern und Lernen und Erfinden ein Rätsel. Das menschliche Gehirn fasziniert WissenschaftlerInnen und PhilosophInnen seit jeher. Und auch wenn viele Geheimnisse noch tief verborgen sind, wissen Forscherinnen und Forscher heute mehr darüber, als je zuvor. Die einen suchen danach, wie Gefühle im Gehirn entstehen, andere danach, wie wir eigentlich lernen. Einige forschen daran, wie sich Krankheiten des Gehirns auf unsere Persönlichkeit auswirken, andere, ob sich Intelligenz auch künstlich herstellen lässt. Die Tagung bietet allen Interessierten einen Einblick in Fragen und Ergebnisse der gegenwärtigen Hirnforschung, sowohl aus fachwissenschaftlicher als auch aus interdisziplinärer Sicht.

Was wissen wir heute darüber, wie sich das menschliche Gehirn und Bewusstsein entwickelt hat? Was sind Bewusstseinsprozesse aus neurobiologischer Sicht? Was folgen daraus für psychologische und ethische Konsequenzen? Wieso streiten die HirnforscherInnen darum, ob es einen freien Willen gibt oder nicht? Wie wird heutzutage an der Optimierung des Gehirns gearbeitet? Darf man das überhaupt, der Natur ins Handwerk pfuschen, oder muss man es, weil man es kann? Wie entstehen Emotionen in Kopf, von denen wir oft meinen, sie wären eine Sache des Herzens? Welche Fragen können Forscherinnen und Forscher heute schon beantworten und was ist offen?

Lassen Sie uns gemeinsam auf eine Entdeckungsreise zum aktuellen Stand der Forschung gehen, lassen Sie uns fragen und diskutieren und gemeinsam klüger werden. Sie sind herzlich eingeladen!

Tina Bär und Dr. Volker Mueller

Wissenschaftliche Tagungsleitung

 


 Nachruf für Jan Bretschneider

Am 21. Dezember 2017 ist unser langjähriges Mitglied des Wissenschaftlichen Beirates der Freien Akademie, unser Mitstreiter und Freund Dr. Dr. Jan Bretschneider verstorben. Wir verlieren einen sehr ausgleichenden Kollegen mit ausgezeichneten und weitreichenden Fachkenntnissen. Durch seine Vorschläge und Ideen und durch seine Vorträge auf unseren wissenschaftlichen Tagungen hat er unsere freiakademische Arbeit bereichert.

Unser Mitgefühl gilt seiner Lebensgefährtin und seiner Familie.

Jan Bretschneider, Jahrgang 1938, studierte von 1956 bis 1961 Biologie und Chemie an der Friedrich-Schiller-Universität Jena. Er arbeitete zunächst als Dozent für Biologie und als Lehrer. Seit 1970 war er wissenschaftlicher Assistent und Lektor an der Universität Jena, ab 1978 Mitarbeiter am interdisziplinären Forschungsprojekt „Einheit in der naturwissenschaftlichen Erkenntnis“, von 1993 bis 1998 wissenschaftlicher Mitarbeiter der Arbeitsgruppe für Didaktik der Biologie. Er lehrte und forschte vor allem zu Fragen der Biologiedidaktik und des Verhältnisses von Naturwissenschaften (insbesondere Biowissenschaften) und Philosophie. 1974 promovierte er zum Dr. rer. nat. und 1992 zum Dr. phil..

Er hat mehrere Bücher und über 200 Publikationen vorgelegt.  

Als selbstbewusster  anregender Denker und kreativer Pädagoge bleibt uns Jan Bretschneider in lebendiger Erinnerung.  Wir werden ihn vermissen und sein Andenken in Ehren halten.

 

Dr. Volker Mueller

Präsident der Freien Akademie


 

Ankündigung der Tagung 2018

Die wissenschaftliche Tagung der Freien Akademie wird vom 10. bis  13. Mai 2018 in der Frankenakademie Schloss Schney stattfinden. Es wird das Thema "Das menschliche Gehirn" behandelt. Dabei sollen die gegenwärtige Hirnforschung, deren Resultate und Konsequenzen sowohl aus fachwissenschaftlicher als auch aus interdisziplinärer Sicht im Mittelpunkt stehen. Die Evolution des menschlichen Bewusstseins wird ebenso erörtert wie psychologische und ethische Konsequenzen.

Alle Interessenten sind herzlich eingeladen!

Anfragen können gern gerichtet werden an die: Freie Akademie, Holbeinstr. 61, 14612 Falkensee.  

Dr. Volker Mueller

Präsident der Freien Akademie


Tagungsbericht 2017

Die wissenschaftliche Jahrestagung der Freien Akademie wurde vom 25. bis 28. Mai 2017 in der Frankenakademie Schloss Schney zu dem Thema „Macht der Bilder, Macht der Sprache“ durchgeführt. Die Eröffnung und Begrüßung erfolgte durch den Präsidenten der Freien Akademie, Dr. Volker Mueller (Falkensee).

Der wissenschaftliche Tagungsleiter 2017 Prof. Dr. Walter Otto Ötsch (Bernkastel-Kues) eröffnete die Tagung mit grundsätzlichen Gedanken zum Thema Bildlichkeit mit dem Titel: Die Bedeutung von Bildern für das „Denken“.  Er bezog sich dabei auf den Philosophen Hans Jonas, dessen These vom homo pictor besagt, dass Menschen fähig seien, Bilder zu produzieren und damit fähig, eine andere Beziehung zu Objekten aufzubauen als andere Lebewesen. Was bedeute es aber für ein Wesen, dass ein Bild (etwa ein entdecktes Höhlenbild) gemacht habe? Was bedeute es, ein Bild als Bild wahrzunehmen? Der Mensch sei ein bildwahrnehmendes wie auch ein bildproduzierendes Wesen. Das zeige, dass Menschen die Fähigkeit haben, Erkennen von der unmittelbaren Sinneswahrnehmung zu trennen, so entstünden beispielsweise Erinnerungen. Auch die Einbildungskraft sei eine wichtige, den Menschen ausmachende Folge, sowie auch die Freiheit, über Dinge nachzusinnen. Die imaginative Distanz zu Dingen mache das Nachdenken und Erfinden möglich. Ötsch vertritt dabei die These, dass es vor allem unbewusste Bilder sind, die hinter der Ebene der Sprache und Begriffe liegen, wobei er einräumte, dass Bildlichkeit eine Hypothese ist, die in den anderen Wissenschaften nicht sehr anerkannt ist. In der Diskussion wurde ein breites Spektrum an Fragen aufgeworfen, die im Laufe der Tagung wieder aufgegriffen wurden. Dazu gehören Fragen nach der Klarheit des Begriffs Bildlichkeit, nach der Verbindung von auditiven mit bildlichen Vorstellungen und der Verbindung von Denken in Situationen und Denken in Bildern.

Prof. Dr. Pia Knoeferle (Berlin) befasste sich mit dem Thema „Sprache und Bilder“ in neurologischer Sicht. Sie erforschte den Zusammenhang vor allem durch Auswertung von Augenbewegungen sowie Gehirnreaktionen. Ihre Leitfragen bezogen sich auf das Wechselverhältnis von Sprache und Bild beim Verstehen: liegt der Sprachverarbeitung eher Begrifflichkeit oder Bilder zugrunde? Ist Sprachverarbeitung ein eher bewusster oder eher unbewusster Ablauf? Unterstützen Bilder Sprachverstehen und/oder umgekehrt? Wir alle wissen bereits, dass der Inhalt eines Sprachsatzes besser verstanden wird, wenn er auch visuell abgebildet ist. Untersuchungen der Referentin des Bezugs zwischen Sprachbedeutung und Augenbewegungen vertiefen dieses Wissen. Sage ich z.B. „Nase“, so legt der Hörer seine Aufmerksamkeit auf die zu sehende Nase. Entsprechendes passiert auch bei semantisch widersprüchlichen Verbindungen. Sage ich z.B. „Klavier“, es befindet sich aber eine Trompete im Raum, so legt der Hörer trotzdem mehr Aufmerksamkeit auf die Trompete. Analoges gilt z.B. für ‚Schlange‘ und ‚Wasserschlauch‘. Entsprechende Verstärkungen von Sprachverstehen durch Bilder gibt es nicht nur bei konkreten, sondern auch bei abstrakten Inhalten. Z.B. wird eine erhöhte Aufmerksamkeit des Hörers nicht nur beim Wort ‚Nase‘ auf die Nase gerichtet, sondern ebenso beim Wort ‚Geruch‘, hier allerdings, wie die Augenbewegungen des Hörers verraten, etwas später. Das heißt, Sprache erhält ihre Bedeutung beim Hörer auch aus der visuellen Umgebung bzw. Wahrnehmung. Die visuelle Wahrnehmung bereichert ein situiertes Sprachverstehen. Diese Verbindungen von Wort und Bild werden beim Hörer weitgehend unbewusst hergestellt. Das heißt, Sprachverarbeitung ist auch ein unbewusster Ablauf. Sprachverstehen wird freilich nicht nur über das Auge unterstützt, sondern selbstverständlich über Gehirnreaktionen. Immer bewirkt eine Verbindung von Sprache und Bild eine spezielle Hirntätigkeit. Dabei ist die Hirntätigkeit umso intensiver, je unerwarteter bzw. wunderlicher der Sprachinhalt angesichts des Gesehenen ist. Verwunderung erzeugt z.B., wenn ein Verb nicht zu einer gesehenen Handlung passt (semantisches Problem) oder wenn im Sprachsatz das Objekt zuerst und erst danach das Subjekt genannt wird (syntaktisches Problem). Insgesamt kann also auch auf neurowissenschaftlichem Weg gezeigt werden, dass und wie Sprache und Bildlichkeit zusammen wirken.

In ihrem Vortrag stellte PD Dr. Kirstin Zeyer (Carl von Ossietzki Universität Oldenburg) die „Bildlichkeit in der Geschichte der Philosophie“ am Leitfaden exemplarischer Positionen der Philosophiegeschichte von Platon bis Ernst Cassirer dar. Platons Unterscheidung einer wahren Welt der Ideen von der Welt der sinnenfälligen Dinge liege das prinzipielle Mißtrauen gegen die Sinnendinge zugrunde, welche als vergängliche Abbilder ihren unvergänglichen Urbildern, den Ideen, nachgeordnet werden. So ist die Sonne im Sonnengleichnis nur das Abbild der Idee des Guten und die Ideen seien daher handlungsleitende Zielvorstellungen. Selbsterkenntnis sei dann eine Angleichung der Seele an Gott. Diese vollziehe sich dialogisch mit anderen, so Dr. Zeyer in Anlehnung an Ernst Cassirer, sodass Wahrheit, ermittelt durch Kooperation, Resultat einer sozialen Handlung sei. Für das christliche Denken sind drei Positionen von Augustinus´ Bestimmung des Geistes als Spiegelbild (speculum), das sich selbst reflektiert, also als Bild weiß, über Eriugenas Auffassung der Theophanie bis zu Cusanus´ Bestimmung des Menschen als „lebendiges Bild Gottes“ erläutert worden. In der Neuzeit habe sich dann die Kontroverse entwickelt, ob die Dinge den Status von Objekten, die keine Bilder sind (Descartes), oder von „Bewusstseinstatsachen“, also subjektiven Bildern (Berkeley: esse est percipi) haben. Dieser Sensualismus münde in eine `Irrealisierung´ von Objekt und Subjekt bei Ernst Mach („`Ich´ besteht aus einer Reihe von Empfindungselementen“). Dagegen finde sich in Diltheys Hermeneutik eine Aufwertung der imaginatio und von Bildern. Für eine Überwindung der sich daraus ergebenden „Krise der Selbsterkenntnis“ des Menschen ist zum Abschluss der Ansatz von Ernst Cassirer zur Debatte gestellt worden: Wenn alle kulturellen `Formen´ von Sprache, Religion, Kunst usw. Tätigkeiten bzw. Funktionen und keine Substanzen seien, dann sei der Mensch ein „animal symbolicum“ und daher jede Kulturtätigkeit Symboltätigkeit. Somit ergäbe sich eine „Einheit von `Sinnlichkeit´ und `Sinn´ und Wahrnehmung wäre eine Wechselbeziehung von `Darstellendem´ und `Dargestelltem´.           

Die Tagungsteilnehmer und -teilnehmerinnen erlebten am Freitagnachmittag eine Exkursion zum Bamberger Dom, in der das Tagungsthema versinnbildlicht und vertieft werden konnte. Der romanische Bamberger Dom St. Peter und St. Georg gehört zu den deutschen Kaiserdomen und ist mit seinen vier Türmen das beherrschende Bauwerk des Weltkulturerbes Bamberger Altstadt. Er steht auf der markanten Erhebung des Dombergs, der noch weitere historische Gebäude aufweist. Im Inneren befinden sich neben dem Bamberger Reiter das Grab des einzigen heiliggesprochenen Kaiserpaars des Heiligen Römischen Reichs sowie das einzige Papstgrab in Deutschland und nördlich der Alpen. In einer hervorragenden Führung im Dom erfuhren wir viele kulturhistorische und bildwissenschaftliche Hintergründe.

Bis zu den Veränderungen am Bauwerk Ende des Mittelalters blieben die Namen der Baumeister und Künstler, die an der Schaffung des Bauwerks beteiligt waren, unbekannt, so auch der Schöpfer des Bamberger Reiters. Diese Figur – die älteste erhaltene mittelalterliche Plastik eines Reiters – wurde um das Jahr 1230 aus mehreren Schilfsandsteinblöcken hergestellt und zeigt einen unbekannten Herrscher. Sie steht noch immer an dem Pfeiler, an dem sie früher aufgestellt war. Das Kaisergrab im Bamberger Dom wurde in den Jahren 1499 bis 1513 in der Werkstatt Tilman Riemenschneiders angefertigt. Das marmorne Hochgrab des Kaisers Heinrich II. und der Kaiserin Kunigunde zeigt auf den Seitenwänden Legenden aus dem Leben des Kaiserpaars.

Im Bamberger Dom befindet sich außer dem Kaisergrab auch das Grab des Papstes Clemens II., das einzige erhaltene Grab eines Papstes nördlich der Alpen. Clemens, vordem Bischof Suitger von Bamberg, wurde auf der Synode von Sutri zum Papst bestimmt, blieb aber weiterhin Bischof von Bamberg, seiner „süßesten Braut“. Nach seinem Tod wurde sein Leichnam nach Bamberg überführt und befindet sich heute – kaum sichtbar und nicht öffentlich zugänglich – hinter dem Bischofsstuhl, der Kathedra.

Die Kathedra, der Bischofsstuhl, steht seit dem Jahr 1969 vor dem Papstgrab. Sie ist Zeichen für den Verkündigungsauftrag des Bischofs, auf ihr darf nur der rechtmäßig bestellte und geweihte Bischof Platz nehmen. Die 1899 geschaffene Kathedra des Bamberger Doms ist ein neuromanisches Kunstwerk, das aus einem hölzernen, mit vergoldetem Kupferblech und geprägtem Leder überzogenen Stuhl besteht, der mit Halbedelsteinen verziert ist. Der Entwurf stammt von dem Münchener Akademieprofessor Leonhard Romeis und lehnt sich eng an frühmittelalterliche Vorbilder an.

Dr. Dirk Schindelbeck (Jena) stellte in seinem bildreichen Vortrag am Freitagabend dar, wie in den 50er Jahren von Seiten der Privatwirtschaft systematisch Werbung für die Einführung der ‚Sozialen Marktwirtschaft‘ betrieben wurde, nachdem nach dem II. Weltkrieg und der Weltwirtschaftskrise in den 20er Jahren die Wiedereinführung des Kapitalismus nicht so ohne weiteres möglich schien. Eine maßgebliche Rolle habe dabei der Unternehmerverein „Die Waage e.V.“ gespielt, die 1952 den bürgerlichen Kräften für die kommende Bundestagswahl helfen wollte. Diesem Verein gehörten Großindustrielle und Unternehmer von Firmen wie BASF, über Bosch und Siemens, bis Shell und Continental an. Auch das Meinungsforschungsinstitut Allensbach habe eine wesentliche Rolle in der Begleitung der Aktivitäten gespielt, deren Umfrageergebnisse zur Optimierung der Werbekampagne genutzt wurden. Kern der mehrjährigen Kampagne waren Anzeigenserien mit 149 Motiven, mehreren Plakaten und sogar Kinofilmen, in denen zwei Musterdiskutanten  Dialoge zur sozialen Marktwirtschaft führten. Nach Selbsteinschätzung des Vereinsvorstandes haben diese Aktivitäten zu einer Wählerwanderung von 5% bei der Bundestagswahl 1953 beigetragen. Der Vortrag verdeutlichte damit an einem konkreten Beispiel, wie die Macht der Bilder in der Werbung für politische Zwecke genutzt wurde und es wurde die Schwierigkeit diskutiert, wie gegen die Wirkmacht der Werbeindustrie in Wirtschaft und Politik mit der Macht des Wortes entgegen getreten werden kann und ob das überhaupt möglich sei, wie es viele Intellektuelle und Demokraten immer wieder versuchten, oder ob man die Macht der Bilder nicht stärker anerkennen und auch in kritischen Kreisen stärker an der Bildlichkeit gearbeitet werden sollte.

Seinen Hauptvortrag „Bilder des Rechtspopulismus“ am Samstagvormittag leitete Prof. Dr. Walter O. Ötsch (Cusanus Hochschule Bernkastel-Kues) mit allgemeinen Hinweisen auf eine Theorie der sozialen Repräsentation ein. Die Tatsache, dass Menschen mit varianten und invarianten Bildern bei der Wahrnehmung sozialer Beziehungen operieren, wurde am „Sozialen Panorama Modell“ von Lucas Derks dargestellt. Demnach bedingen die im mentalen Raum angesiedelten Repräsentationen auf dem Wege bestimmter Kanäle der Weitergabe die sozialen Interaktionen. Daher sei der Kern des Rechtspopulismus ein bestimmtes Bild der Gesellschaft, also eine „andere Art des Denkens“, nicht nur andere Inhalte. Grundlage des Populismus sei – nach Cas Mudde – die Unterteilung der Gesellschaft in zwei Gruppen, das wahre Volk und die korrupte Elite. Populisten geben vor, den wahren Volkswillen zu kennen (volonté generale), und wollen dessen Repräsentation durchsetzen. Demagogie als Volksverführung radikalisiere deswegen immer das Bild der Zweiteilung „Die – Wir“: „Die“ sind die Bedrohung, „Wir“ haben Angst; Probleme sind verursacht durch die „Anderen“, „sie“ bedrohen „uns“. Deshalb müssen „wir“ uns wehren und die Populisten treten als diejenigen auf, die Widerstand und Schutz vor den „Anderen“ garantieren werden. So entstehe ein Feld von Gegensätzen: System – Volk, Elite – Bürger, Kartell – Demokratie, EU-Diktatur – Nationalstaat, Multikulti – unsere Kultur, Willkommenskultur – Volksgemeinschaft. Alle diese Begriffe seien „freie Erfindungen“, da es diese Gruppen gar nicht gebe, so Prof. Ötsch. Demagogen gehen dann von bestehenden Ängsten, Sorgen und Befürchtungen der Menschen aus (z. B. Finanzkrise 2008/09) und leiten sie auf die genannten Gegensätze um. Dabei werden Verschwörungstheorien, kalkulierte Provokationen, Verwandlung von Sachthemen in Kämpfe von Personen etc. als Mittel der Demagogie eingesetzt. Die Depersonifikation der „Anderen“ entfalte dann die Hass-Sprache, für die die inneren Hass-Bilder zu Gewaltphantasien und zur Entmenschlichung der „Anderen“ mobilisiert werden. Zum Abschluss hat Prof. Ötsch auf zukünftige Gefahren verwiesen: Eskalationsspiralen in den Medien und auf öffentlichen Plätzen, die Zunahme des Verschwörungsdenkens und die „Erhöhung der Dosis“ bis hin zur Gewalttätigkeit. Diese Gefahren bestehen auch deswegen, weil der Rechtspopulismus für tatsächliche Probleme gar keine Lösungen anbieten kann.         

Im Mittelpunkt der Ausführungen von Prof. Dr. Silja Graupe (Bernkastel-Kues) über „Sprache und Beeinflussung in der ökonomischen Bildung“ stand die Frage, wie ökonomische Bilder in der ökonomischen Bildung geprägt werden. Gibt es eine Indoktrination in der ökonomischen Bildung, eine Überbetonung marktwirtschaftlicher Frames? Sie plädierte für eine stärkere Berücksichtigung solcher Frames wie Umweltschutz oder soziale Gerechtigkeit in der politischen Bildung. Sie kritisierte eine drohende komplette Standardisierung der ökonomischen Bildung, insofern wenige gleichartige Lehrbücher seit Jahrzehnten und übersetzt in viele Sprachen die Hochschulbildung im Bereich Ökonomie dominieren und auch die weitere Fachliteratur nicht diskursiv angelegt ist. Die Finanzkrise 2008 hat nicht zu einer Pluralisierung der Ökonomie beigetragen, sondern im Gegenteil das unkritische Antrainieren von quasi ökonomischen ‚Glaubenssätzen‘ noch verstärkt. Insofern grenzt die Hochschulbildung im Bereich Ökonomie meistenorts an Indoktrination. Schon der Ökonom John Maynard Keynes (1883-1946) habe gewusst, dass die Macht der Ökonomen darauf beruht, ökonomische Theorien nicht als Hypothesen zu reflektieren, sondern so zu tun, als wäre die Theorie die Welt selber. Die Studierenden werden soweit in die Mathematik hinein getrieben, dass keine Erfahrung bleibt und schließlich von der „reinen“ Ökonomie geredet wird. Der genannten ökonomischen Beeinflussung liegt z.B. das Prägungsmuster des ökonomischen Framing zugrunde. Frames sind unbewusste Vorstellungen, die vor allen Fakten gebildet werden, so dass Fakten nur auf der Basis bzw. im Rahmen dieser Frames verarbeitet werden können. Z.B. wird der ursprünglich sehr erfahrungsgesättigte Begriff ‚Markt‘ (Wochenmarkt, …) abstrakt gemacht (Regulativ mit unsichtbarer Hand, …) und dann neu, neo-liberal, geprägt. So wird schließlich das Bewusste erfahrungsunabhängig, reine Mathematik, Statistik und Rechnen. Die prägenden Einstellungen (frames) bleiben aber unbewusst. Eine Umprägung des ökonomischen common-sense (reframing) geht daher nicht durch Aufklärung und dauert lange. Für ein reframing ist es wichtig zu wissen, wie frames gebildet werden. Hier ist nicht so sehr der Wirtschaftswissenschaftler als vielmehr der Kognitionswissenschaftler gefragt. Das ökonomische framing basiert zum Einen auf einem dualistischen Denken bar jeder Erfahrung: Wir vs. die Anderen (im Sozialismus, …) / Staat vs. Markt / Kontrolle vs. Freiwilligkeit / … Dualismen sprechen nicht den ruhigen, kritischen Verstand des Aufgeklärten an, sondern erzeugen eine unbewusste Abwehrhaltung. Zum Zweiten passiert beim ökonomischen framing eine Hypo-Kognition. Dem Lernenden werden immer nur Einzelaspekte mitgeteilt. Studierende kommen mit ökonomischen Fragen, Gerechtigkeitsfragen, Verbindungen zur Ökologie, usw. Alsbald werden sie intellektuell reduziert, als ob sie in der Welt wie in einem Supermarkt stehen. Dort muss ich mit niemandem reden, befinde mich in einer Monokultur des Denkens. Hypo-Kognition passiert auch, wenn über ökonomische Vorgänge mit genuin wirtschaftsfremder Terminologie geredet wird („Rettungsschirm“, …). Zum Dritten passiert ein ideologisches Framing. Denn das Verkümmern des sachlich Komplexen geht mit einem moralischen Verblassen einher. Nachdem eigene Erfahrung und komplexes Denken aus dem ökonomischen Lernen herausgefiltert sind, bleibt nur ein Gefühl übrig und zwar ein gutes Gefühl, wenn ich auf der Seite des Marktes stehe. Beeinflussung ökonomischen Denkens geschieht aber nicht nur durch die Sprache, sondern auch durch Bilder. Z.B. wenn Marktbereiche wie Organe im Organismus betrachtet werden. Auch über Graphiken werden erwünschte ökonomische Haltungen visuell transportiert. Beispiel ist eine Graphik zum Grenznutzen (= Nutzenzuwachs). Der Studierende soll sich vorstellen, Eis zu konsumieren (schöner Kontext!). Eine Kugel kostet 20 Dollar, 19 Dollar, … (jenseits aller Erfahrung!). Wann ist der Zuwachs an Nutzen beim Konsum einer Kugel Eis höher als der Verlust an Geld? Eine pluralistische Ökonomie wird die Pluralität der Erfahrungen zurückholen, das Vorbewusste bewusst machen (nicht nur beim Einzelnen, sondern für Gruppen / Gemeinschaften), damit jeder Studierende selbstreflexiv eigene Weltbilder gewinnen kann. Der Mensch hat das Potential, alles zu denken. Deshalb sollte die Gemeinschaft dafür sorgen, dass dies bestmöglich möglich ist. Dazu brauchen wir keine Hierarchie, keine Gewalt, usw., sondern sollten nahe am Anarchismus sein.

In ihrem Kurzvortrag ging Frau Tina Bär (Berlin) auf Noam Chomsky und sein Thema „Sprache und Freiheit“ ein.  Was hat Sprache mit Freiheit zu tun? Und wie begrenzt Sprache unseren Denkhorizont? Was sind wir eigentlich in der Lage zu erkennen und zu verstehen von der Welt? Keinen geringeren Fragen als diesen geht Noam Chomsky in seinem 2016 erschienenen Buch „Was für Lebewesen sind wir?“ nach. Der Vortrag zeichnete zentrale Thesen seiner Arbeit nach und stellte mögliche Schlussfolgerungen zur Diskussion.

Für Chomsky ist die Funktion von Sprache nicht vordergründig Kommunikation, sondern Sprache ist für ihn vielmehr ein Werkzeug des Denkens. Er beschäftigt sich mit Sprache als internem Wissenssystem, nicht mit Sprache, wie sie externalisiert, also gesprochen oder geschrieben wird. Chomsky vertritt darüber hinaus die Auffassung, dass der Mensch über so etwas wie eine generative Grammatik verfügt, die man sich wie ein mathematisches Regelsystem vorstellen kann. Demzufolge basiert unsere Sprachfähigkeit auf einer geteilten biologischen Ausstattung, die uns Denken und Sprache überhaupt erst ermöglicht. Diese Auffassung grenzt sich von verhaltenswissenschaftlichen Erklärungsansätzen ab und ist nicht unumstritten. Für Chomsky ist die Existenz einer generativen Grammatik allerdings die wahrscheinlichste Erklärung für die Beobachtung, dass wir in der Lage sind, aus wenigen Sätzen, die wir beim Erlernen einer Sprache hören, ein „unbegrenztes Spektrum hierarchisch strukturierter Ausdrücke“ zu generieren.

Und aus humanistischer Sicht ist vor allem interessant, was aus Chomskys These folgt: Dass unsere grundsätzliche kognitive Sprachfähigkeit, die Existenz der von ihm angenommenen generativen Grammatik, „unbegrenztes und kreatives Denken“ ermöglicht und den Menschen zur Freiheit befähigt. Gleichzeitig sind unsere unendlichen Möglichkeiten begrenzt: Unsere angeborenen Strukturen machen uns Chomsky zufolge eine reiche Vielfalt formulierbarer Fragen zugänglich, während sie andere ausschließen. Wir haben dieser These zufolge also nur ein begrenztes Spektrum an Möglichkeiten, überhaupt die richtigen Fragen zu stellen.

Der 27. Mai 2017 wurde mit einem angenehmen Musischen Abend abgeschlossen.

Am Sonntagvormittag war die Ausgangsthese des Vortrages von Dr. Stephan Pühringer (Linz) über „Bilder der ÖkonomInnen zur Finanzkrise 2008“ die Fragestellung, wieso dieses einschneidende Ereignis zu keiner fundamentalen Neuausrichtung der ökonomischen Wissenschaft im deutschsprachigen Raum führte. Nur unmittelbar nach der Krise habe es ein Strohfeuer von Selbstkritik in der Wirtschaftswissenschaft gegeben („keynesianisches Moment“): zu weit weg vom Weltgeschehen; Erwägung von Finanzmarktregulierung; Kritik an Austeritätspolitik, Fiskalpakte gegen Staatsschulden. Doch bald sind die Machtstrukturen in den Wirtschaftswissenschaften zurückgekehrt: Wie vorher wird das Heterodoxe stetig marginalisiert und eine Dominanz der Neoklassik befördert; wie vorher werden andere Sozialwissenschaften nur schwach rezipiert; wie vorher wird auf die Eliten unter den Wirtschaftsprofessoren geschaut und werden hierarchische Strukturen gestärkt. Diese Entwicklung wird mit Bildern von der Finanzkrise 2008 unterstützt: Die Finanzkrise wird als Krankheit dargestellt, die die Wirtschaft infiziert hat,  bzw. als Naturphänomen. Wirtschaft wird anthropomorph als sensibler Akteur dargestellt, der nicht gut behandelt wurde und jetzt droht; gelegentlich wird die Finanzkrise mit technischem Versagen parallelisiert und vom Wirtschaftsmotor ohne Öl gesprochen; oder man bedient sich Kriegsmetaphorik, wenn Kredite wirkten wie Massenvernichtungswaffen. Bei all dem fehlt, die Finanzkrise als Chance hin zur Steuerung der Makroökonomie durch die Regierung in einer ordo-liberalen Demokratie mit politischer Toleranz (=im Sinne von Keynes) zu sehen. Im Vergleich zu 2008 hat Roosevelt die Weltwirtschaftskrise 1929 vorbildlich erklärt.

In einer offenen Debatte mit den anwesenden Referentinnen und Referenten wurden im beschließenden Akademischen Forum  Ergebnisse der wissenschaftlichen Tagung erörtert und offene und weiterführende Fragestellungen besprochen. Die Tagung wurde von den Teilnehmenden ausgesprochen erfreulich und niveauvoll eingeschätzt und der interdisziplinäre Ansatz gewürdigt. Herrn Prof. Dr. Ötsch als wissenschaftlichem Tagungsleiter und allen Referierenden wurde für ihre Arbeit herzlich gedankt.

Präsidium der Freien Akademie