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Tagungsbericht 2009

Bewusstsein und Ich

Implikationen neuer Erkenntnisse über Gehirn und Geist für Gesellschaft und Mensch, so der anspruchsvolle Titel der diesjährigen Tagung der FREIEN AKADEMIE, vom 21. bis 24. Mai in der bewährten Franken-Akademie auf Schloss Schney. Die erste Tagung unter dem neuen Präsidenten Dr. Volker Mueller knüpfte nahtlos an die Tradition der hervorragenden Ära Albertz an. Die zu Recht erwartete Befürchtung, es handele sich um eine Wiederholung der Tagung vom 1992 unter ähnlichem Titel, war glücklicherweise unbegründet. Es wurde auch keine Fortsetzung, denn es ging jetzt um neurowissenschaftliche Erkenntnisse in philosophischer Reflexion. Der Inhalt, - weitgehend praxisnah, - war geschickt zusammengestellt von der wissenschaftlichen Tagungsleiterin Dipl.-Psych. Renate Bauer, Ludwigshafen, langjähriges Mitglied des Wissenschaftlichen Beirats der Akademie und Landessprecherin der Freireligiösen Landesgemeinschaft der Pfalz. Nach der Eröffnung durch den Präsidenten, stimmte sie mit einem weit gefächerten Überblick in das Phänomen Bewusstsein als erweiterte Wahrnehmung ein.


Mit dem Beitrag Entwicklung und Störungen des menschlichen Bewusstseins aus neurowissenschaftlicher Sicht eröffnete der Psychologe Prof. Dr. Hans Markowitsch, Bielefeld, am nächsten Tag die eigentliche Arbeitstagung. Er machte die Fähigkeit „ich“ sagen zu können, zum Ausgangspunkt für das Entstehen des Bewusstseins. Ohne dabei das Phänomen Ich näher zu behandeln, stellte er fest, dass es keine wissenschaftlichen Anhaltspunkte für ein außerhalb des Körpers frei schwebendes „Geistbewusstsein“ gibt. Für das Bewusstsein im engeren Sinne, wies er einerseits auf die Hirnentwicklung und andererseits auf die Emotionen hin und deren gegenseitige Abhängigkeit. Danach ging er ausgiebig auf die Charakterveränderungen durch Stirnhirnbeschädigungen ein sowie auf die ethischen Probleme bei der Modifizierung von Persönlichkeit durch Gehirnschirurgie. Schließlich konnte er nachweisen, dass nicht nur die frühkindlichen Eindrücke das Bewusstsein prägen, sondern darüber hinaus auch alle weiteren Erfahrungen unser Gehirn verändern und besonders, dass sich Magnetismus auf das Gehirn auswirkt.

Danach befasste sich der Philosoph Prof. Dr. Thomas Zoglauer, Cottbus, mit der Frage Sind Freiheit und moralische Autonomie eine Illusion? Mit dem Hinweis, dass moralische Entscheidungen, - im Unterschied zu ethischen, (persönliche Anmerkung des Rezensenten), - emotional, nicht kognitiv bestimmt sind, thematisierte er den neuronalen Determinismus. Unter dieser Prämisse ging er der Frage nach, ob der menschliche Wille autonom oder determiniert sei, um dann die Willensfreiheit als wünschenswertes ethisches Prinzip zu postulieren.

 

Der Traum als Weg zum Bewusstsein, lautete der darauf folgende Beitrag des Psychologen und praktizierenden Kognitiven Verhaltenstherapeuten, Prof. Dr. Peter Glanzmann, Mainz. Ausgangspunkt waren die drei Fragen: Was ist das Bewusstsein? Was sind Träume? Wie erhalten wir über Träume Zugang zu unserem Bewusstsein? Das Bewusstsein sieht Glanzmann identisch mit Menschsein. Gebildet wird es von Emotionen, Kognitionen sowie Verhalten. Gleichzeitig sieht er es als einen dynamischen Prozess. Bei den Träumen geht es um Wunscherfüllungen, vorwiegend erotischer Art, ausgelöst durch unbefriedigte und verdrängte sexuelle Gelüste. Aber auch Machtbesessenheit wird im Traum kompensiert. Bezogen auf Sigmund Freud, dann die vertiefende Bemerkung, dass der Beischlaf im Traum zum Marathonlauf wird. Das Phänomen Ich wird als nicht lokalisierbar und einem stetigem Wandel unterworfen empfunden. Dabei besteht für den Referenten ebenfalls keinerlei Zweifel, dass es sich niemals um eine „frei schwebende geistige Entität“ handeln kann, sondern der Geist den Körper als Trägerschicht benötigt. Das individuelle einzelne Ich ist jedoch mehr als nur die Summe seiner Teile.

 

Spannend dann der sehr gut strukturierte Vortrag von Priv.-Doz. Dr. Reinhard Margreiter, Berlin, Mitglied des Wissenschaftlichen Beirats, Annäherungen an das Phänomen der Mystik. Der Begriff Mystik leitet sich ab von myein = die Augen schließen und bezeichnet eine besondere Bewusstseinserfahrung. Der Referent begann zunächst mit einer Aufarbeitung der Gesamtthematik in 10 Schritten: 1. All-Einheit und Ich-Entgrenzung; 2. Identität von Sein und Nichts; 3. Transkategorialität; 4. Das Moment von Liebe und Ekstase; 5. Metanoia (Verwandlung); 6. Gelassenheit; 7. Augenblicklichkeit und Unverfügbarkeit des Erlebens; 8. Zwei Erlebnisformen, eine spontane und eine, sich in drei Schritten vollziehende, die näher zu beschreiben sind: askesis = ein inneres Leerwerden, photismos = Erleuchtung (Erkennen der Möglichkeit einer Alternative), henosis = die geheimnisvolle – gedanklich paradoxe aber auch emotional aufgeladene – Vereinigung von Ich und Nicht-Ich; 9. Das Kommunikations- und Mitteilungsproblem (aufzulösen mit religiösen Metaphern und der nonverbalen Sprache der Kunst); 10. Intendierte Symbollosigkeit. Es handelt sich dabei um die – wie Meister Eckhart formuliert – Negation von Bild und Weise. Hierauf aufbauend kommt es zu dem Beweis, dass der Bereich der Mystik sich nicht auf Religion allein beschränkt, sondern sich auf die Kunst erweitert. Dafür stehen besonders die Maler Paul Klee und Wassily Kandinsky, die Dichter Paul Zelan und Peter Handke sowie der Dichterphilosoph Friedrich Nietzsche, aber auch Ernst Cassirer, um nur die wichtigsten anzuführen. Margreiter gelang damit in bestechender Weise, den auf Robert Musil zurückgehenden Begriff einer „Taghellen Mystik“ begreifbar zu machen.


Sehr konkret und besonders aktuell dann, Prof. Dr. Walter Ötsch, Linz, - ebenfalls Mitglied des Wissenschaftlichen Beirats, - zu dem Thema Das Bewusstsein des Homo Oeconomicus. Hier ging es hauptsächlich um den Verlust des moralischen Bewusstseins als Ergebnis einer pervertierten Wirtschaftsauffassung, welche sich aus der Theorie der Neoklassik und dem darauf folgenden „Thatcherismus“ entwickelte. Die so genannte Selbststeuerung der Wirtschaft, als etwas Positives zu betrachten, hat sich als eine Utopie herausgestellt, denn im Endergebnis dient sie gegenwärtig wahrscheinlich nur ethisch indifferenten Hasardeuren ihre egoistischen Ziele zu verfolgen. Ötsch bedauert, dass die Linke, - und besonders die Sozialdemokratie, - dieser Entwicklung scheinbar ohnmächtig gegenübersteht, unfähig Alternativen zu entwickeln, wie sie notwendig wären um die derzeitige Krise zu bewältigen.


Leider musste Prof. Dr. Franz Josef Wetz, Schwäbisch Gmünd, krankheitshalber absagen, stellte aber seinen Vortrag schriftlich zur Verfügung. Er wurde von dem neuen Vizepräsidenten der FA Prof. Dipl.-Ing. Michael Breuer, als Abschluss der Tagung verlesen. Sein Thema: Kränkende Wissenschaft - Der lange Abschied großer Selbstbilder. Diese Thesen wurden im Plenum und danach im Akademieforum trotzdem intensiv reflektiert und weitgehend zurückgewiesen. Die Erkenntnisse der Wissenschaft, - so der Tenor, - sind nur für diejenigen kränkend, deren Bewusstsein durch falsche Illusionen, - meist Folgeschäden durch Religion und Metaphysik, - belastet ist. Für einen freien Geist sind sie eher beruhigend und befreiend und führen keineswegs zur Kränkung – viel eher zu Gelassenheit. Kränken kann Wissenschaft schlimmstenfalls, wenn ihre Ergebnisse in ethisch unakzeptabler Weise missbraucht werden, wie z. B. das Dynamit oder die Atomkraft. Aber dies war nicht Gegenstand der Untersuchungen. Die These, dass Wissenschaft keine Sinnerwartungen erfüllen kann, fand dann auch ungeteilte Zustimmung.

Die Neuerung, die Tagung mit Workshops in Form von Kurzvorträgen durch die Teilnehmer, nach vorheriger Anmeldung zu bereichern, hat sich bewährt. So sprach Ernst Grewel über Evolutionäre Intelligenz bei Tieren und Menschen und DDr. Jan Bretschneider stellte sich mit einem humorvollen, aber durchaus ernsten Vortrag über Cogito, ergo sum – Ich denke also bin ich, - ich bin also denk ich, den Tagungsteilnehmern als neues Mitglied des Wissenschaftlichen Beirats vor. Auch diese Beiträge werden in den in Kürze erscheinenden Tagungsband aufgenommen.

Die Arbeitsgruppen, - meist eine Verlegenheitslösung, - wurden diesmal gut angenommen. Unter Anführung der Referenten bildeten sie einen stabilisierenden Faktor der Tagung. Dazu trug auch das bereits erwähnte abschließende Akademieforum bei, in dem auf noch ausstehende Fragen aus dem Plenum eingegangen werden konnte und die noch anwesenden Referenten ihr persönliches Resümee abgaben.

Schließlich überraschte die Familie Inderfurth am Samstag, - Dietwart Inderfurth, Gitarre und Cello, Wiltrud Inderfurth, Violine und Blockflöte, Annika Menke, Violine, Till Menke, Moderation und Piano, Gregor Verlande, Piano, - mit einem sehr gut gelungenen Programm zum musischen Abend, wobei auch das Publikum mit einbezogen wurde. Eine durchaus gelungene Tagung, wozu auch die unauffällige aber effektive Technische Tagungsleitung von Alke Prem beitrug. In Verbindung mit den gewinnbringenden menschlichen Begegnungen und der Muse, führt damit ein Weg über die Wissenschaft zum Bewusstsein von Bildung.

Dr. Erich Satter


 
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